Claus Lehnert : Herr der fahrenden Stadt

Der Circus Krone hat 400 Einwohner in 330 Wagen und Zelten Claus Lehnert sorgt dafür, dass alle einen Platz finden – als Bürgermeister

Daniela Martens
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Das Zelt ist seine Welt. Claus Lehnert, Krone-Betriebsinspektor, kann sich ein Leben ohne Zirkus nicht vorstellen. -Foto: Thilo Rückeis

Der Motor dröhnt noch einmal auf, dann steht die große weiße Zugmaschine still – in der Mitte der Stadt aus Zelten und Wohnwagen, die in der vergangenen Woche auf dem Festplatz an der Zehlendorfer Clayallee aus dem Boden gewachsen ist, rund um das riesige Zelt des Circus Krone. Aus dem Führerhaus des Lastwagens klettert ein grauhaariger Mann im Pullunder: Claus Lehnert. „Jetzt, wo alles an seinem Platz ist, atmet man auf“, sagt er und setzt sich auf einen Gartenstuhl vor seinem Wohnwagen. „Jetzt wird der ganze Körper ruhiger.“

Lehnert wird von den Einwohnern der fahrenden Zirkusstadt „Bürgermeister“ genannt. Sein offizieller Titel ist allerdings „Betriebsinspektor“ – seit 20 Jahren. Ohne ihn würde kein Zelt und kein Wagen auf dem Festplatz stehen: „Ich hab’ hier vorher alles ausgemessen.“ Wohin das „größte reisende Zirkuszelt der Welt“ am besten passt, hat er sich überlegt – wie in jeder Stadt: 30 Mal pro Spielsaison zwischen April und Oktober plant er, wo die Löwen- und Elefantengehege, die anderen Stallzelte und die 330 Wohnwagen stehen sollen – die Behausungen und Büros der rund 400 Einwohner seiner mobilen Stadt. Damit ist sie immerhin größer als die kleinste Stadt Deutschlands: Arnis in Schleswig-Holstein hat nur etwa 300 Bürger. Nicht nur Akrobaten leben in der Zirkusstadt, sondern auch Kraftfahrer, Zeltaufbauer, Stallmeister, Schneider, Sattler, Mechaniker, Schreiner, Maler, Schlosser, Schulkinder und eine Lehrerin. Es gibt eine Feuerwehr, eine Müllabfuhr, ein Baudezernat, Werkstätten und eine Stromversorgung. Für alle und alles ist Lehnert Ansprechpartner: „Auch wenn nur ein Schlüssel abgebrochen ist oder jemand unzufrieden mit seinem Mitbewohner ist, weil der ein bisschen riecht.“

Rechnet man zu den zweibeinigen Einwohnern auch noch die 250 vierbeinigen hinzu, überholt die Zirkusstadt sogar noch die zweitkleinste Stadt: Neumark in Thüringen. „Tiere sind schon was Besonderes“, sagt Lehnert, der selbst mit seinen buschigen grauen Augenbrauen an einen freundlichen Uhu erinnert. Besonders gern besucht er Tsavo, das Breitmaulnashorn, in seinem Gehege: „Man muss sich nur vor seinem großen viereckigen Maul in Acht nehmen, wenn man ihm einen Apfel gibt.“ Vor allem liebt er aber die Pferde. Früher trat er als Kunstreiter auf – sogar vor Queen Elisabeth und Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow: „Der war kleiner als ich – das will schon was heißen. Und er war mir sympathisch, denn er mochte Zirkusse und Artisten.“

Lehnerts Kunstreiter-Tage sind lange vorbei: „Irgendwann wird man älter und korpulenter“, sagt Lehnert und guckt auf seinen runden Bauch. „Nur Clowns können bis 70 oder 80 auftreten.“ Bei der Frage, wie alt er ist, ziert er sich erst lachend, bis ihn seine Frau zur Ordnung ruft. Sie sitzt auf den Stufen, die zum gemeinsamen Wohnwagen hinaufführen. Er sei 72, gibt Lehnert schließlich zu.

„Sandro, Pedro“, ruft er plötzlich quer über den Platz, springt auf und läuft zu zwei Männern in Latzhosen hinüber: Das Elefantengehege brauche noch einen zusätzlichen Zaun, erklärt er, als er wieder zurück ist. „Damit da keine Kinder reinlaufen.“ Er ist immer im Einsatz und kann sich nicht vorstellen, den Zirkus jemals zu verlassen. Selbst im Winter lebt er im Wohnwagen: „Ich kenn’ ja nichts anderes.“ Er ist in einem Zirkus geboren und aufgewachsen. Einmal habe er drei Monate lang versucht, „privat zu machen“ – so nennt er das, wenn man nicht im Zirkus lebt. Das sei schrecklich gewesen – schrecklich langweilig.

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