Computerspiele : Mama spielt Counter-Strike

Bei der Veranstaltung „Eltern-LAN“ konnten sich Väter und Mütter als Mörder am PC ausprobieren. Warum ihre Kinder davon fasziniert sind, blieb zwar unerklärlich. Aber nun wissen sie, worum es geht.

Elena Senft

Arne Busse hatte gesagt, sie sollten sich bitte alle friedlich am „Bombenplatz A“ treffen. Beim Wort „friedlich“ hatte er streng ins Plenum geguckt. Dann folgt eine knatternde Gewehrsalve aus einem großkalibrigen Maschinengewehr. Es spritzt ein bisschen Blut und ein vermummter Computerterrorist fällt um. Die Mutter an der Computertastatur guckt verschreckt und sagt: „Hups, entschuldigung!“

Im Berliner Postbahnhof fand am Freitag die „Friday Intel Night“ statt, eine Veranstaltung, bei der deutsche Profispieler um die Finalteilnahme der Bundesliga im Computerzocken kämpfen. Und weil die Schlange vor dem Eingang so lang ist, weil dort Jungs stehen, die gern eine Stunde anstehen, um ihren Lokalmatador im „Counter-Strike“ anzufeuern, und weil die Hobby-Angabe „Egoshooter spielen“ mittlerweile ungefähr so alarmierend klingt, als würde man sagen, dass man in seiner Freizeit gern kleine Tiere quält, deswegen ist auch Arne Busse da. Er leitet als Vertreter der Bundeszentrale für politische Bildung die Veranstaltung „Eltern-LAN“.

Hier können 20 Eltern oder Lehrer „Counter-Strike“ lernen und verstehen. Es ist das „Killerspiel“ schlechthin, dem viele Menschen eine Teilschuld für Amokläufe von Schülern geben. Ein Spiel, das aber ein so bahnbrechender Erfolg ist, dass so gut wie jeder deutsche 16-Jährige sagt, er habe es bereits gespielt. Ein Spiel, das Angst macht und von dem jeder eine Meinung hat – besonders die, die es noch nie gespielt haben. Um Bombenlegen oder Entschärfen geht es dabei grob gesagt. Um „Team Terroristen“ gegen „Team Polizisten“, dabei um Taktik, Absprache, Schnelligkeit.

Die Erwachsenen sitzen in Reihen vor den Computern wie im Klassenzimmer. Man hört Schritte, Geballer, und manchmal freut sich eine Lehrerin, wenn sie den Gegner erwischt hat, und ruft ihrem Kollegen zu: „Nicht schnell genug, wa?“ Viele sind da, um einfach zu sehen, worum es geht, wenn ständig von „Killerspielen“ die Rede ist. Eine blonde Mutter macht sich Sorgen um ihre Söhne. Verbote bringen ja eh nichts, sagt sie. Und wenn die Kinder das schon spielen, will sie wenigstens wissen, was das ist. Befremdlich findet sie es, auch nachdem sie selber mitgespielt hat. Warum will man etwas spielen, bei dem Blut fließt? „Traurig irgendwo“, sagt sie.

Ein älteres Ehepaar entdeckt neue Seiten an sich. Sie hat arge Orientierungsschwierigkeiten und bewegt sich nur langsam torkelnd fort. Er hingegen durchkämmt die Karte routiniert und im Laufschritt. Hält kurz an, dann eine schnittige 45-Grad-Drehung um die nächste Ecke. Dort mäht er einen lauernden Gegner mit dem Nickname „Rolf“ um und marschiert unbeeindruckt weiter. Sie sagt: „Spielst du das öfter?“ Natürlich hat er keine Zeit zu antworten. „Rolf“ sitzt drei Reihen davor und sagt „menno“.

Oliver John, Lehrer am Oberstufenzentrum für Bürowirtschaft und Verwaltung, will seine Schüler besser verstehen. Spaß macht es schon, das muss er zugeben. Es fordert geistig, man muss kombinieren, es gibt ein Teamziel, die Reaktionen werden trainiert. Aber es geht immer noch primär ums Töten. Wenn seine Kinder ins „Counter-Strike“-Alter kommen, guten Gewissens würde er das Spiel nicht erlauben.

Im großen Fabriksaal des Postbahnhofs bauen mittlerweile tätowierte Männer Bühnen auf, ein Profispieler macht Fingerübungen. Nebenan setzt eine Mutter ihre Lesebrille auf, eine andere macht eine Notiz, mit welcher Tastenkombination noch mal die Waffe gewechselt wird. Rechte Maustaste.

Am Ende ist das Urteil einvernehmlich: Vielleicht wäre die Veranstaltung besser, wenn Eltern mit ihren Kindern gemeinsam hier wären. Vielleicht wäre auch genau dann die Veranstaltung nicht notwendig. Der verantwortungsvolle Umgang mit Egoshootern ist der Knackpunkt, da sind sich alle einig. Ein bisschen Spaß hat es auch gemacht. Anstrengend sei es gewesen, sagen viele. „Ich muss gehen. Ich bin echt erschossen“, sagt eine Lehrerin. Verhaltenes Lachen.

Termine für Eltern-LAN unter

www.bpb.de/veranstaltungen/5OSRWT

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