Dampf im Kessel : Schultheiss-Brauerei soll Kreativzentrum werden

Erst Brauerei, dann Kitkat-Club, jetzt Atelier: Ein Schweizer will die alte Schultheiss-Mälzerei in Schöneberg zum Kreativzentrum machen – entspannt wie sein Heimatland: „Eine Oase halt“.

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Behelmt. Die Schornsteine sind das Markenzeichen der alten Schultheiss-Mälzerei.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
13.08.2010 12:30Behelmt. Die Schornsteine sind das Markenzeichen der alten Schultheiss-Mälzerei.

Ein paar rot-weiße Girlandenreste hängen noch am Zaun, ein Grüezi-Schild grüßt an der Pforte, aber sonst herrscht in der Malzfabrik in Schöneberg wieder Alltag. Vor kurzem war hier großer „Schwiiiiztag“, ein Schweizer Bestsellerautor las, DJs legten auf, Alphörner tuteten, Künstler stellten aus, ein Feuerwerk explodierte, eidgenössische Marketender boten Schoggi, Rivella-Brause oder Strom aus Schweizer Wasserkraft an und die behelmten Schornsteine auf dem Dach der backsteinernen Schultheiss-Mälzerei sahen ein bisschen wie Bergsilhouetten aus.

Jetzt parken Lieferanten und Handwerker auf dem weitläufigen Gelände in der Bessemerstraße, das in der verkehrsumtosten Gewerbewüstenei hinter Autobahn, S-Bahnring, Ikea und Bauhaus liegt. Es wird gehämmert und geklopft, Aufbruchstimmung allerorten, auch wenn noch viele Fenster blind sind.

Eine kleine Schweiz soll das werden - ein Insel, eine Oase

Der Schweizer Immobilienkaufmann Frank Sippel ist seit 16 Monaten feste dabei, dass 1914 bis 1917 erbaute Industriedenkmal auf dem 27 000 Quadratmeter großen Gelände zum Kreativzentrum auszubauen. Und dass ausgerechnet auf der ziemlich uncoolen Kante zu Tempelhof.

Eine kleine Schweiz soll das werden, sagt ungerührt der Zürcher, der sich während der noch bis Ende Oktober andauernden ersten Bauphase zum „intensiven Teilzeit-Berliner“ entwickelt hat. Wie, eine Schweiz? „Ja, eine Insel, eine Oase, schön, gepflegt, gastfreundlich, mit Sinn für Gemeinschaft und Kreativität“, sagt er und lächelt verbindlich.

Sein provisorisches Büro liegt im ehemaligen Kellereigebäude. An den Wänden lehnen halb verpackte Gemälde von der Kunstausstellung, wilde Birken rauschen zum Fabrikfenster rein, die Schweizer Fahne baumelt neben einem Plakat aus Fritz Langs „Metropolis“. Mehr Kunst in Kisten wird hereingeschleppt. „Ist das das Küken oder die Ente?“, fragt Sippel. Die Viecher gehören zu verschiedenen Kunstwerken und müssen jetzt nach Zürich und Basel zurück.

Kunst und Umwelt sind Sippels Leidenschaft

Neben der Malzfabrik und den Geschäften, sind Kunst und Umwelt Sippels Leidenschaft. 20 Künstler finden ab Ende Oktober in der Malzfabrik Platz, im großen Gruppenatelier zu Mietpreisen von 100 Euro im Monat. Ausstellungseröffnungen gibt es bereits seit letztem Jahr, Ende September folgt die nächste. Sippels Kunststiftung „District“ sitzt ebenfalls hier. Überhaupt wird einem schwummerig, wenn der Schweizer wie selbstverständlich als verbraucht geltende Sätze wie diesen spricht: „Ich bin Umweltbotschafter, habe kein Auto, lebe Kohlendioxid-neutral und stehe für soziales und nachhaltiges Unternehmertum.“ Wasser gibt’s trotzdem aus Plastikpartybechern. Ist halt noch alles etwas unfertig in Sippels Fabrikbüro, dass mal der Künstlerprojektraum wird. Sein umweltpolitisches Engagement ist übrigens echt: Vereinsgründungen und die im Oktober in der Malzfabrik stattfindende Utopia-Konferenz zeugen davon.

Mehrere Millionen Euro steckte Sippels Immobilienfirma in das Projekt

Der Schweizer an sich sei überhaupt echt und ehrlich, ist der 38 Jahre alte Jeansträger überzeugt. Und durch ihn und sein achtköpfiges „Malzteam“ soll Berlin davon jetzt auch etwas abbekommen. Mehrere Millionen Euro steckte Sippels Immobilienfirma Real Future in die 50 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, die die neun um einen Gewerbehof angeordneten Gebäude der Mälzerei Schöneberg umfassen. Gekauft haben sie das bis 1997 in Betrieb befindliche Areal 2005, als sich im jetzt Kachelhaus genannten früheren Maschinenhaus noch die Fetischfans vom Kitkat-Club zu ihren Lack- und Leder-Partys trafen.

Die passten nicht zu uns, sagt der Schweizer, der aus einem unromantischen Investment inzwischen seine „Mission zur Revitalisierung eines Industriedenkmals“ gemacht hat. Alle Mieter werden handverlesen. Nach welchen Kriterien? „Kreativ müssen sie sein und nett“, sagt Sippel. Schaufensterpuppenmanufaktur, Schreinerei, Kulissenbau, Modelabel, Goldschmiede, Galerie und die üblichen Kreativagenturen aus Musik und Grafik sind schon da. Und sonst war auch schon allerlei los: Innovationscamps, Fotoshootings, Musikvideodreh mit Rihanna, Filmdreh für „Die wilden Kerle“, Kunstaktionen und Partys wie die der Organspendeorganisation „Junge Helden“, die voriges Jahr das Kachelhaus eröffnet hat.

Trotz Sanierung soll die Mälzerei ihre Seele behalten

Von den anderen Ex-Brauereien oder Mälzereien der Stadt, die durch Kulturprojekt- oder Immobilieninvestoren entwickelt werden, will Sippel seine „Verbindung von Herz und Kommerz“ im Schweizer Stil abgrenzen. In der Kulturbrauerei beispielsweise gäb’s zwar nette Leute, sagt er, aber „die Immobilie ist seelenlos“. So glatt saniert werde seine Malzfabrik nicht. Und in der Tat sind im der Kunst gewidmeten Kellereigebäude zwar die Elektrik erneuert und die Wände getüncht, aber das Treppenhaus versprüht abgeschabten Charme wie bei C/O Berlin im alten Postfuhramt. Die riesigen alten Schornsteine jedenfalls werden auch nach der zweiten Bauphase, die frühestens im kommenden Jahr abgeschlossen ist, auf der neuen alten Mälzerei thronen. Das sind keine Schornsteine, korrigiert Frank Sippel beim Hofrundgang. Das seien die Darrfaxe genannten Luftschlote, über die das Malz getrocknet wurde. Der Schweizer lächelt verbindlich.

www.malzfabrik.de. Einmal im Monat ist „Malzabend“ mit Geländeführung, wieder am 17. August um 19 Uhr.

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