Stadtleben : Darauf ein Kölsch

Drautzburgs Kneipenasyl für die Bonner wird zehn

Elisabeth Binder

Niemals hätte sich Friedel Drautzburg im September vor zehn Jahren vorstellen können, was für ein überwältigendes Glück auf ihn wartete. Die „Stimme der Vernunft“, wie Bonns bekanntester Umzugsgegner damals hieß, hatte gerade zum Entsetzen von Gästen und Mitstreitern bekannt gegeben, dass auch er mitziehen und gemeinsam mit Partner Harald Grunert eine rheinisch-berlinische Wirtschaft an der Spree eröffnen wollte. „Verräter“ haben sie ihn genannt.

Auch aus Berliner Sicht gab es Skepsis. Das „Osvaldo“ am Schiffbauer Damm lag in einer unwirtlichen Gegend und war meist ziemlich leer, verwaiste Terrasse, unverputzte Häuser ringsum. Der Weg dorthin führte vorbei an russischen Punks, die blutige Knochen an ihre Hunde verfütterten. Kaum ein Ort für einen Mann, der in Bonn als Politwirt seit 1968 eine Instanz war, viele Top-Politiker beim Vornamen nannte, einst Wahlkampf für Willy Brandt gemacht hatte.

Schon kurz nach der Umwandlung in die „StäV“, die Ständige Vertretung, war das „Osvaldo“ nicht wiederzuerkennen. Der Laden brummte. Devotionalien aus dem alten Bundestag, Staeck-Poster und Sprüche wie „Vom Wessi lernen, heißt siegen lernen“ zierten die Wände, das Kölsch floss in Strömen in die Kehlen heimwehkranker Rheinländer, neugieriger Touristen und lernwilliger Berliner. Staunend sahen sie, wie da ganz unauffällig in der Ecke auch mal der damalige Bundespräsident Johannes Rau mit Gerhard Schröder zusammensaß. Dies war nicht nur eine der ersten Kneipen in Berlin, die Kölsch servierten (inzwischen gibt es rund 260). Hier fanden Umzügler eine Transfer-Station, die dem Wechsel von der Bonner in die Berliner Republik einen Hauch von Heimeligkeit verlieh.

Friedel Drautzburg mit seiner tiefen Stimme und seiner Lust an pointierten Sätzen wurde rasch zu einer Instanz für Umzugsfragen. Bundesweit lachte man über seine Karnevalsfete mit Kopfhörern, die ein offenbar extrem lärmempfindlicher Nachbar ausgelöst hatte, der in den vergangenen zehn Jahren immer wieder die Polizei alarmierte. Er konnte freilich nichts aufhalten. Aus einer verlassenen, hässlichen Gegend ist inzwischen ein Viertel für Flaneure geworden, geprägt von rheinischer Heiterkeit.

StäV-Klassiker wie Flammekuchen, rheinischer Sauerbraten, „Himmel un Äad“, „Pfälzer Saumagen“ sowie die „Altkanzler-Filet“ genannte Currywurst mit Bratkartoffeln und Krautsalat sind auf der Speisekarte in sechs Sprachen übersetzt. Dass das Spanische gleich nach dem Deutschen kommt, noch vor dem Englischen, hat seinen Grund. Der spanische Handelsattaché hat sich das gewünscht, nachdem er der ersten groben Übersetzung Feinschliff gegeben hatte.

Auch nach zehn Jahren noch regt sich Friedel Drautzburg über Berliner Gewöhnungsbedürftigkeiten auf. Er nennt das aber lieber „wunschkritisches Identifikationspotenzial“, das ihn antreibt „Verbesserungsberater“ werden zu wollen. Zwar muss man in Berlin nicht mehr, wie am Anfang, zwölf bürokratische Stellen um eine Konzession anlaufen, aber die Bürokratie ist ihm immer noch zu aufgebläht, und dass am Pariser Platz und im Tiergarten die Papierkörbe nicht öfter geleert werden, versteht er auch nicht.

Er hat viel Erfolg gehabt in den letzten zehn Jahren. Neben der Berliner StäV betreibt er noch eine in Bremen. Franchise-Ausgaben gibt es in Hannover, Hamburg und Leipzig, mit insgesamt 250 Mitarbeitern. Der Erfolg aber war es nicht, der das Leben des Friedel Drautzburg so grundlegend umgekrempelt hat. Das Glück kam als Folge seines Aufbruchs. Wie viele seiner Gäste pendelte er mit dem ICE zwischen Köln und Berlin, gern im Speisewagen. Einmal fand er nur Platz am Tisch einer Brandenburgerin, die davon erst gar nicht erbaut war. Es kam zur Verabredung, deren Folgen auch wildfremde Gäste heute in der StäV begutachten können. Sie müssen sich nur die Kinderkarte kommen lassen, geschmückt mit Bildern von Sophie-Marie.

Niemals hätte Friedel Drautzburg vor zehn Jahren gedacht, dass er bald Vater einer kleinen Berlinerin werden würde. Die ist inzwischen acht Jahre alt, und wenn er anfängt, von ihr zu schwärmen, wie sie ihn zuquasselt und ihm Frühstück macht und Theater spielt, wie sie zeichnen kann und alles verändert hat, bekommt er geradezu etwas Verklärtes. So lange galt der heute 69-Jährige als Bonns begehrtester Junggeselle. Heute sagt er: „Wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte, dann hätte ich gern zwei Hände voll von Kindern.“

Auch sonst hat er sich verändert in den letzten zehn Jahren. Fühlt sich toleranter, kreativer und noch gründungsbegeisterter. Und ja, auf Wunsch der alten Fans gibt es Pläne, auch im Rheinland wieder aktiv zu werden. Ein Plan, im Pumpenhaus des Wasserwerks ein Lokal zu eröffnen, ist gerade gescheitert. „Aber wir sind schon an Köln dran.“ Und Bonn? „Man wartet auf eine neue Gelegenheit.“

Das „Rheinische Grundgesetz“ ist in der aktuellen Speisekarte nicht nur ins Hochdeutsche, sondern auch ins Englische übersetzt worden. Und da klingt Artikel 3 „Et hätt noch immer jot jejange“ fast wie der Titel eines Popsongs: „Everything’s gonna be allright.“ Und so ist es ja auch gekommen. Elisabeth Binder

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