Stadtleben : Das Geschäft brummt

Die Honigsammler von Berlin: Unter den Großstädtern steigt das Interesse an der Imkerei.

Eva Kalwa

Hell leuchten die orangefarbenen Höschen aus Blütenpollen. Eifrig krabbeln die Arbeiterinnen mit ihrer an den Hinterbeinen gesammelten Nahrung in das enge Flugloch: Ihre Behausung, Beute genannt, erkennen sie an einer speziellen Farbkombination, und vor allem riechen sie die lockenden Botenstoffe ihrer Königin. Die trägt, ist sie 2008 geschlüpft, beim Imkerverein Neukölln einen roten Punkt auf dem Leib – allerdings brauchen nur Menschen die optische Orientierungshilfe. Denn die Bienen riechen so ausgezeichnet, dass sie immer wieder zu ihrer Weisel, zur Königin, zurückfinden – selbst wenn direkt daneben noch andere Bienenstöcke stehen. Trotz der Nähe kommt es ausgesprochen selten zu gegenseitigen Aggressionen. „Nur wenn es keine Tracht mehr gibt, die Blütezeit von Raps, Kastanie, Robinie und Linde also vorüber ist, versucht manchmal ein Volk einen Raubzug“, erzählt Gutrun Timm, Zuchtverantwortliche des Berliner Imkerverbandes.

Die 69-Jährige betreibt die Imkerei seit über 40 Jahren und erinnert sich lachend an ihre ersten Anfänge: „Völlig hilflos stand ich 1966 vor diesen fürchterlich stechenden Völkern!“ Angriffslustige Bienen – das war einmal. Mittlerweile hat sich in Deutschland die Zucht der Carnica-Rasse durchgesetzt, sie ist im Vergleich zu der streitlustigen dunklen Nordbiene wesentlich sanftmütiger. So wird Timm heute nicht mehr so oft gestochen. „Und wenn, dann bin ich meist selbst schuld, stehe im Weg oder fasse direkt auf die Tiere.“ Wer allerdings stark parfümiert oder nach einem Glas Bier oder Wein an die Bienenstöcke gehe, solle sich nicht wundern: Zu intensive Gerüche mögen die emsigen Fluginsekten gar nicht. Doch meist reicht schon ein bisschen Rauch aus dem kleinen „Smoker“, damit der Imker beim Herausnehmen der Waben nicht gestochen wird. Und für ängstliche Besucher hat man Schutzkleidung parat.

Ob über das richtige Verhalten am Stock, Bienenrassen, Zucht, Einfüttern, Überwintern, das Bienenharz Propolis, die Wachsschmelze oder das abschließende Honigschleudern: Die Naturfreundin Timm ist ein wandelndes Imkerei-Lexikon. Bis ins kleinste Detail weiß sie über alles Bescheid – und gibt gemeinsam mit Schatzmeisterin Regina Veisz in Neukölln ihre reiche Erfahrung gern an Nachwuchsimker weiter. Denn das Interesse an der Bienenzucht ist in Berlin in den letzten Jahren gestiegen. Mehr als 2500 gesunde Bienenvölker, fast alle davon aus Hobby-Imkereien, leben in der Stadt. Bei maximal 60 000 Tieren pro Volk ist das eine stattliche Anzahl Bienen.

Generell gilt: Je mehr Bienen, umso besser. Denn rund 80 Prozent aller Pflanzen sind auf Fremdbestäubung angewiesen, etwa ebenso viel davon werden von Honigbienen bestäubt. Über ein Drittel aller menschlichen Nahrung ist damit direkt und indirekt von Bienen abhängig. Ob der Satz, wie oft behauptet, tatsächlich von Albert Einstein stammt oder von jemand anderem – die radikale Schlussfolgerung ist nicht so weit hergeholt: „Wenn die Biene verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“

Da in den Berliner Gärten, Parks, auf Friedhöfen oder in Kleingartenanlagen auf engstem Raum eine Vielzahl von Pflanzen wachsen, ist der hiesige Blütenhonig besonders vielfältig, die Bienenweide ist durch viel weniger Monokulturen geprägt als in ländlichen Gebieten. Das macht die Großstadt zu einem attraktiven Zuchtgebiet, und die 13 Berliner Imkervereine helfen Interessenten gern, ein eigenes Volk heranzuziehen, um schon nach ein paar Monaten den ersten Honig ernten zu können.

Auf dem Gelände des Imkervereins Neukölln in Rudow werden Imker-Neulinge für 90 Euro in ihrer ersten Saison intensiv betreut: Anfang Frühjahr bekommen sie den Ableger eines Volkes samt Königin, kümmern sich wöchentlich unter Anleitung darum und schleudern im Juli dann den ersten eigenen Honig. Und das können durchaus schon sechs Kilo und mehr sein.

Jetzt, am Ende der Saison, müssen sich die Jung-Imker entscheiden, ob sie ihr Volk mit nach Hause nehmen wollen – fast alle wollen weitermachen. Acht Interessenten haben Timm und Veisz in diesem Jahr begleitet, für das kommende haben sich schon vier neue angemeldet. „Wir können leider gar nicht alle aufnehmen, die möchten“, berichtet Veisz. Doch natürlich freuen sich die Vereine über das wachsende Interesse.

„Denn es ist einfach wunderbar, abends bei gutem Wetter an seinen eigenen Bienenstöcken vorbeizugehen und den Duft von Linde oder Ahorn zu riechen. Da ist ein kleiner Stich ab und an nicht schlimm“, sagt Gutrun Timm und betrachtet die Biene, die kurz über ihre Schulter krabbelt und dann wegfliegt. Ohne zu stechen.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.imkerverband-berlin.de oder unter der Telefonnummer 751 5188.

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