Stadtleben : Das große Klimpern

Berlin, Stadt der potenziellen Superstars: Hunderte kamen zum DSDS-Vorsingen

Katja Reimann

Es ist Sonnabend, 12 Uhr, und vor dem Seiteneingang des Grand Hotel Esplanade am Lützowufer zieht Monika Wiesejahn kräftig an ihrer Zigarette. Die 42-Jährige ist nervös. Der Fernsehsender RTL hat zum offenen Casting für eine neue Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) in das Luxushotel geladen und ihre Tochter Melanie (17) ist mit dabei. „Sie hat mir schon als Vierjährige die Ohren vollgesungen“, sagt Monika Wiesejahn und schaut Melanie liebevoll an. Natürlich hofft sie, dass sich ihre Tochter bis ins Finale und zur berühmt- berüchtigten Jury um Dieter Bohlen durchkämpft. Einen Superstar in der Familie, das „wünscht sich ja wohl jede Mama“. Melanie nickt.

Bohlens bissige Kommentare muss am Sonnabend im Esplanade allerdings noch niemand fürchten, denn er ist gar nicht da. Das Casting ist nur eine Vorauswahl, beurteilt werden die Sänger von einer Jury aus Redakteuren, Produzenten und sogennanten „Vocalcoaches“ – Profis in Sachen Gesang und Musik. Die Bewerber singen in vier separaten Räumen vor, allen anderen ist der Eintritt dort strengstens verboten. Wer seinen Bewerbungsbogen am Eingang abgibt, bekommt von der RTL-Crew einen Aufkleber mit einer Nummer. Anschließend heißt es: Warten, warten und nochmals warten.

Im Eingangsbereich herrscht das große Zittern, neugierig werden die Konkurrenten beäugt. Zunächst traut sich keiner, die drei vorbereiteten Lieder zu üben. Ein paar Mädchen schnippen verlegen mit den Fingern, zwei Freunde stimmen zaghaft ein paar Zeilen an. Die meisten sagen, dass sie eigentlich „nur so zum Spaß“ hier sind, für andere ist der Spaß eine sehr ernste Angelegenheit.

Paul Zender zum Beispiel ist extra aus Bochum angereist. Mit im Gepäck: eine große Portion Selbstbewusstsein. Mit seinen 27 Jahren zählt Paul zu den älteren Bewerbern, die zwischen 16 und 30 Jahre alt sein dürfen. „Ich bin auf gar keinen Fall zum Spaß hier“, erklärt er. Um seinen Hals hängt indianischer Schmuck, sein Hemd ist weit aufgeknöpft und auf seinen Knien liegt eine Gitarre. Zum Vorsingen muss man ihn nicht lange bitten. Als Paul den Hit von Take That, „Back for Good“, anstimmt, herrscht plötzlich Stille im Raum. Paul singt wirklich gut, und die Konkurrenz applaudiert sogar.

Auch Lori Mai (29) erhofft sich viel vom Casting. Die gebürtige Amerikanerin leidet an einer unheilbaren Muskelkrankheit und sitzt im Rollstuhl. Ihr größter Wunsch ist es, eine CD aufzunehmen. Bevor die Krankheit das Atmen schwieriger und das Singen schließlich unmöglich macht.

Andere nehmen es mit Humor. Dragqueen Gilda Gay (25) ließ sich vor zwei Jahren bereits als Patrick Bowien casten. Ohne Erfolg. Am Sonnabend versucht sie es nun aufs Neue: als Frau. Wer wirklich weiterkommt, entscheidet die Jury erst Stunden später. Am Ausgang kann man sich für ein paar Euro eine eigene Autogrammkarte drucken lassen. Ein Stückchen vom Ruhm darf also jeder mit nach Hause nehmen. Katja Reimann

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