Stadtleben : Das Motiv ist politischer Hass

Es wird schwer politisiert in diesem Roman um den Mord an Walther Rathenau. Das geht auch nicht anders in einem Krimi, der 1922 in Berlin spielt. Politischer Hass als Motiv rechter Verschwörer, aber auch als Antriebskraft linker Weltverbesserer – Gunnar Kunz beschreibt diese Atmosphäre in einer großen, armen, von Kriegskrüppeln und Witwen bevölkerten Stadt anschaulich und dicht. Ganz flau kann einem werden, wenn man sich klarmacht, dass Meinungsverschiedenheiten über die Regierung mindestens in brachiale Schlägereien mündeten, wenn nicht mit Totschlag oder Mord endeten. Wer sich für Geschichte interessiert, weiß, dass es raue Zeiten waren. Dieser Krimi zieht einen hinein in diesen Abschnitt deutscher Geschichte, in der das Leben nicht viel wert war. Ein junger Mann wird erschossen, drei junge Leute machen sich auf, den oder die Mörder zu finden – ein Kriminalpolizist, dessen Bruder, ein Philosoph, sowie dessen Mitbewohnerin, eine emanzipierte junge Physikerin. Die drei kommen, das überrascht nicht so sehr, Verschwörern auf die Spur, der Philosoph gerät in Lebensgefahr. Kunz hält über 200 Seiten die Spannung aufrecht. Doch ist ihm der Hintergrund des Romans mit seiner Tiefe und seinem Realismus besser gelungen als sein Ermittlertrio: Die drei sind etwas zu nett, zu gut, zu prüde. wvb.









— Gunnar Kunz:
Organisation C. Sutton-Verlag, Erfurt. 212 Seiten, 9,90 Euro

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