Stadtleben : Das Profunde aus dem Eckigen

Im Radio läuft nicht nur Gedudel: Welche Schätze es in Berlins Äther gibt – und für wen sie gemacht sind

Kann man zehn Minuten lang über die Deutsche Verfassung von 1849 sprechen, ohne seine Zuhörer zu langweilen? Man kann. Inforadio hat es neulich vorgemacht. Aber dort wird auch laufend über Agrarsubventionen, Ausschuss-Sitzungen und Steuerparagraphen berichtet und trotzdem hören jede Stunde 62 000 Menschen zu.

Es muss nicht immer Gedudel sein. Berlins Radiosender haben weit mehr zu bieten als die größten Hits der Achtziger und Neunziger und das Beste von heute. Es gibt informative Themensendungen, Diskussionsrunden, Reiseberichte. Man findet wahre Schätze, bei denen es sich lohnt, gezielt einzuschalten. Wenn man denn weiß, wann und wo sie laufen.

Die Übersicht fällt schwer: 28 Sendeplätze hat die Medienanstalt Berlin-Brandenburg derzeit allein im Ultrakurzwellen-Bereich vergeben, neun weitere Programme empfängt man nur über Kabel. Die Radioprogramme, die inzwischen ausschließlich übers Internet gesendet werden, kann man gar nicht zählen.

Eine feste Bank ist das öffentlich-rechtliche Radioprogramm. Hier gibt es Hintergrundsendungen und Gesprächsrunden, die so interessant gemacht sind, dass man das Weiterschalten vergisst und am Ende meistens wirklich etwas lernt. Aber auch hochwertige Pop- und Rockmusik. Der Rbb-Sender „Radio Eins“ ist so erfolgreich, dass er Ende September zum zehnjährigen Bestehen an zehn verschiedenen Orten der Stadt mit Popstars und tausenden Hörern feierte. Auch „Radio Fritz“ ist beliebt – auch wenn jüngst kritisiert wurde, dass er eine Reihe von Moderatoren austauschen will, weil die angeblich zu alt seien für das jugendliche Programm. Darunter auch die langjährige Mitarbeiterin DJ Marusha – und die ist gerade mal 40.

Dafür ist jetzt Christian Ulmen dabei, bekannt als Darsteller aus dem Kinofilm „Herr Lehmann“ und der skurrilen Fernsehserie „Mein neuer Freund“. Ulmen, auch schon 32, ist bis zum 28. Oktober jeden Abend in der Sendung „Woher sollen wir das wissen?“ zu hören – da hat er jeweils eine Stunde Zeit, um eine existenzielle Frage zu klären. Zum Beispiel: Wann ist man eigentlich erwachsen? Oder: Wie lange dauert die Liebe? Auch bei der Abendsendung „Blue Moon“, immer ab 22 Uhr, werden Fragen beantwortet. Hier dürfen die Hörer anrufen und mitdiskutieren. Am heutigen Donnerstag zum Beispiel zu der Frage, ob man die Stadt Berlin lieben oder hassen sollte und warum sie einem einfach nicht egal sein kann.

5,52 Euro verlangt die GEZ für ein angemeldetes Radio. Wer bereits einen Fernseher hat, muss überhaupt nichts draufzahlen. Zweimal im Jahr werden die Einschaltquoten der Radiostationen ermittelt. Das ist wichtig für die Sender, gerade für die privaten, denn je mehr Hörer sie vorweisen können, desto eher finden sie Werbepartner. Bei der aktuellen Quotenermittlung haben zwei Sender überzeugt, die zum ersten Mal erfasst wurden: der Kinder-Sender „Radio Teddy“ und der Rocksender „Motor FM“. Letzterer gehört Tim Renner, dem Berliner Musikmanager, Plattenfirmenboss und Entdecker der Krawall- Band Rammstein. Renner wollte einen Radiosender schaffen, der alternative Musik spielt, die bisher nur einem kleinen Hörerkreis bekannt ist, die aber auch die Masse interessieren könnte.Das ist ihm gelungen.

Immer populärer werden die Hörspiele – vor allem die Kriminal- und Gruselhörspiele. Sie sind hochwertig produziert und widerlegen das alte Klischee, dass Hörspiele nur für Kinder seien. Noch spannender ist es nur samstagnachmittags auf Inforadio – jedenfalls, wenn man sich einigermaßen für Fußball interessiert. Ab 15.06 Uhr überträgt der Sender die ARD-Bundesligakonferenz. Und spätestens ab 16.55 Uhr – dann beginnt die „Schlusskonferenz“ – sind die Reporter in den Stadien so aufgeregt, dass sie auch ein schnödes 0:0 zum dramatischen Krimi hochbrüllen. Dabei kommt es regelmäßig zu originellen Stilblüten, besonders bei den Reportern Sabine Töpperwien („Da ärgert er sich wie ein Schneekönig“) und Edgar Endres („Bisher ziehen sich die Bayern toll aus der Atmosphäre“). Sowas bekommt man in der Sportschau nicht geboten. Legendär sind die Kommentare von Manfred Breuckmann. Zum Beispiel dieser: „Holt die Antidepressiva raus, Fortuna Düsseldorf spielt!“ Ja, im Radio wird viel gelacht. Leider sind die meisten „Comedy-Sendungen“ nicht zwingend lustig. Besonders die Quatschanrufe sind oft albern. Doch es gibt eine Ausnahme: Paul Panzer heißt der Komiker, der morgens auf 104.6 RTL Unwissenden am Telefon auf die Nerven geht. Mal will er von einem Zoohändler wissen, warum sein Meerschweinchen keinen Appetit mehr habe und nur noch träge an der Wasseroberfläche seines Aquariums schwimme. Mal fragt er eine Apothekerin, warum sein Zäpfchen so brenne. Ach ja, da stehe übrigens „Pullmoll“ auf der Packung, sagt Paul Panzer. Dabei tut er so naiv, dass man ihn trotz allem ins Herz schließen muss.

Demnächst wagt sich auch Sarah Kuttner ins Radio, die kann ebenfalls sehr lustig sein. Bisher hat sie im Fernsehen moderiert, Kolumnen geschrieben, ihre Bücher auf Lesereisen präsentiert. Radio war für sie immer tabu – weil doch ihr Vater Jürgen Kuttner heißt und ein bekannter Radiomoderator ist. Mit dem wollte sie sich nicht messen lassen. Ab dem 11. November moderiert sie nun trotzdem jeden Sonntagabend eine Sendung auf „Radio Eins“ – ausgerechnet zusammen mit ihrem Vater. Worum es dort gehen soll? Na Radio eben, sagt sie. Es könnte gut werden.

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