DDR : Vor 20 Jahren: Erste Risse im Beton

Ein Programm der „Distel“ wird verboten, ein Magazin muss vom Markt. Ein Jahr vor dem Mauerfall wehrt sich die DDR-Staatsmacht. Das Volk folgt ihr nicht.

Lothar Heinke

Die kleine Meldung hatte große Sprengkraft: Am 19. November 1988 teilte die Nachrichtenagentur ADN dem staunenden Publikum mit, dass die deutsche Ausgabe des sowjetischen Reader’s Digest „Sputnik“ von der Postzeitungsliste gestrichen worden sei. „Sie bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, stattdessen verzerrende Beiträge zur Geschichte.“ Der holprige Text aus dem Füllfederhalter von Erich Honecker hinterlässt ein Erdbeben: So weit ist es also mit der Abgrenzung der DDR vom Reformkurs Michail Gorbatschows gekommen. Sogar ein flott gemachtes Monatsmagazin mit interessanten Beiträgen aus sowjetischen Zeitschriften, unter anderem zum Hitler-Stalin-Pakt, wird verboten und ist nicht mehr am Kiosk, sondern nur noch unter dem Ladentisch im Haus der sowjetischen Kultur in der Friedrichstraße zu haben.

Nix Glasnost, nix Perestroika! „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ – offiziell ist dieser Slogan quasi out, aber fürs Volk avanciert er zur aktuellen Losung. „Das ,Sputnik‘-Verbot hat uns regelrecht aufgewühlt“, erinnert sich die Karikaturistin Barbara Henniger, „darauf musste man spontan reagieren.“ Bei einem Künstlerkongress bemalt sie Fliesen mit einem Bild, das später als Plakat, Buchtitel und Postkartenmotiv berühmt wird und heute im Haus der Geschichte in Bonn hängt: Die Karikatur zeigt die Heiligen Drei Könige als erkennbare Politbüro-Gestalten, von denen der rechte unverkennbar Brille und Züge des Generalsekretärs trägt. Die drei erschrecken vor einem gewaltigen Stern, der da vom Himmel fällt und den Weg weist, und der Stern ist rot. „Wir mussten einfach eine Metapher für diese panische Angst vor dem Neuen finden“, sagt Barbara Henniger heute. Die Karikaturistin aus Strausberg feiert übrigens heute, am 9. November, ihren 70. Geburtstag. Die Zeichnung wurde damals nie in Zeitungen oder im „Eulenspiegel“ gedruckt, aber „in Ausstellungen ging sie anstandslos durch“.

Vor 20 Jahren, im Jahr 1988, bereitete sich allmählich der 9. November ’89 vor. Es herrschte die Unruhe vor dem Sturm: Genau 39 845 Menschen kehrten der DDR nach jahrelangen Schikanen wegen ihrer Ausreiseanträge als Flüchtlinge oder Aussiedler den Rücken – Leute, denen Erich Honecker voller Hohn nachrief, dass ihnen „niemand eine Träne nachweint“. DDR war damals die Abkürzung für „Der Dämliche Rest“. Das Staatsvolk lästerte: „Der Letzte macht das Licht aus.“

Angefangen hatte es mit den Vorfällen beim Marsch zur Gedenkstätte der Sozialisten, als die dunklen Herren am Straßenrand hektisch ein Transparent mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden“ konfiszierten und mehr als 100 Regimekritiker verhafteten. Kurz zuvor hatte man die ohnehin begrenzten Reisemöglichkeiten weiter eingeschänkt: Bei einer Tour in die CSSR dürfen pro Person nur 440 Mark, nach Ungarn sogar nur 360 Mark jährlich umgetauscht werden. Kirchenzeitungen werden verboten, Honecker überreicht Rumäniens Diktator Ceausescu den Karl-Marx-Orden; zynischer geht es wohl kaum. Edgar Bronfman, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, erhält dagegen den „Großen Stern der Völkerfreundschaft“, und am 10. November legt der Staatsratsvorsitzende den Grundstein zum Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße. Bruce Springsteen spielt vor 150 000 begeisterten Zuschauern auf der Radrennbahn Weißensee, zuvor war schon Joe Cocker da. Michael Jackson musiziert vor dem Reichstag, und hunderte Jugendliche lauschen Unter den Linden den Musikfetzen – weiter als bis zur Absperrung an der Sowjetischen Botschaft kommen sie nicht.

Es ist alles widerspruchsvoll in diesem Jahr. Man spürte: Das Ding geht den Bach ’runter. Die einen fordern Umdenken und Umbruch und sagen: „Wir bleiben hier!“ Andere wollen weg, raus aus Stagnation und spießigem Mief. Der bekannte Maler Wolfgang Mattheuer erklärt am DDR-Nationalfeiertag, dem 7. Oktober 1988 seinen Austritt aus der SED: „Ich kann nicht jubeln und auch nicht ja sagen, wo Trauer und Resignation, Mangel und Verfall, Korruption und Zynismus, wo bedenkenloser, ausbeuterischer Industrialismus so hochprozentig das Leben prägen und niederdrücken und wo programmatisch jede Änderung heute und für die Zukunft ausgeschlossen wird.“

Am 11. November ’88 sitzen Funktionäre von Magistrat und SED-Bezirksleitung in der Hauptprobe des neuen „Distel“-Programms „Keine Mündigkeit vorschützen!“. Einziger Kommentar: „Ihr habt uns mächtig angeschissen.“ Stunden später klingelt das Telefon: „Dies darf nicht aufgeführt werden.“ 400 Karten sind für die Generalprobe verkauft. „Sollen wir einen Volksaufstand von 400 enttäuschten Gästen in Kauf nehmen, hier, nahe der Mauer?“, fragten die Kabarettisten – und durften schließlich die „Mündigkeit“ wenigstens einmal vorführen. Barbara Henniger hatte das Programmheft illustriert. „Es war der helle Wahnsinn“, erinnert sie sich, „am Schluss gab es Standing Ovations, so toll hatten die Texte den Nerv der Zeit und der Zeitgenossen getroffen. Aber: Was nicht sein kann, das durfte eben nicht sein. Immer wieder das alte Lied.“ Von den Protestbriefen empörter Besucher gegen das Verbot an die SED und den Berliner Magistrat wurde keiner beantwortet.

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