Stadtleben : Den Ton getroffen

Ein Stift, ein Zettel, ein Lied: Sänger Muhabbet und Nachwuchstalente proben in der Philharmonie

Annette Kögel

Es sind nur ein paar Töne, ein paar Worte - und doch verschaffen sie einem in Sekundenschnelle eine Gänsehaut. Wenn Figir Özgurt, 24, mit dieser sich in höchsten Tönen leidenschaftlich-arabesk windenden Stimme singt: „Meine Mutter verdient größten Respekt, ersetzte meinen Vater, der Penner war früh weg.“ Oder wenn Seda Sunetci sich aus der Seele textet: „Geh’ mir aus den Augen, sieh mich nicht an, schreit’ nicht zurück, fass mich nicht an.“ Kleine Kunstwerke sind da am Sonnabend geschaffen worden. Beim Workshop „Philhar’n Besk“ für Kinder und Jugendliche mit dem deutschtürkischen R’n’Besk-Sänger und Wahl-Berliner Muhabbet. Das, was da an Songs und Texten entstand, ist am 1. Mai um 14 Uhr bei einem Gratis-Konzert in der Philharmonie zu hören (Kartentelefon: 254 88 999).

Gut dreißig Nachwuchstalente hatten sich für das Projekt innerhalb des „Zukunft@BPhil Education-Projekt“ der Philharmonie qualifiziert – weit mehr Bewerbungen waren gekommen, aus ganz Deutschland. „Nachwuchstalent“ ist indes fast schon untertrieben, denn die Elf-, Zwölfjährigen bis hin zu Mittzwanzigern, die sich in den Tonstudios des Kammermusiksaals versammelten, machen fast alle so lange Musik, wie sie auf der Welt sind. Egal, ob türkischer, bosnischer oder deutscher Herkunft, sie spielen Block- und Altflöte, Klavier und Congas, Saiteninstrumente wie Gitarre und Baglama. Muhabbet begrüßt alle persönlich, jeder stellt sich kurz vor, dann verteilt der Sänger „ganz konservativ Stift und Zettel, so machen wir das bei uns im Studio auch“. Bands oder Zweierteams werden zwangsweise getrennt, „so kann jeder seine Kreativität noch anders entfalten“. Fürs Dichten gab es zehn Minuten.

Teilnehmer Deniz „Deno“ Yel, 19, aus Steglitz, ist Teamleiter in einem Callcenter, Mitarbeiter des Senders „Deutschrap.TV“, Vertriebsfachmann für das Label „Fight 4 Music“ - und nun richtet er im Tonstudio eine Liebeshymne an die Musik: „Du bist mein Ein und Alles!“ Deniz sagt, „die Musik ist mein Psychiater“. Und der „beste Freund, eine Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken“, fügen die 17-jährige Schülerin und Hobby-Dolmetscherin Almila Bagriacik sowie der Kreuzberger Schüler Mükerrem Sari hinzu. Deniz hat gerade eigene Vorurteile abgelegt, sagt er, denn sein wesentlich jüngerer Sangeskompagnon, der Fünftklässler Oskar, hat ihm beim Texten Tipps gegeben, „wie ich die Wörter setzen soll, damit es einen besseren Flow gibt“. So dass sie weicher klingen und melodiöser laufen.

Drei Stücke sind jetzt entstanden, die nächsten Sonnabend mit der Unterstützung von Livemusikern und Muhabbet auf die Bühne gebracht werden. Dann sind auch Carlsson Zaspel und Paul Berger dabei, die eigentlich Bongos und Congas spielen, sich unter den Sängern aber gut schlugen. „Ich bin nicht berühmt, ich bin noch kein Star, ich habe erst angefangen, dafür bin ich schon richtig gut. Meine Lehrer haben’s nicht leicht mit mir, wie gesagt, ich bin der Teufel hier.“ Die das textete, heißt Nazli Aydogdu – und ist elf. Sehr zur Freude von Muhabbet, der die Debatte um angeblich fundamentalistisch-orientierte Äußerungen hinter sich gelassen hat. Sein Deutschland-Lied mit Ministern als Co-Sängern läuft gut. Gerade sitzt er an der offiziellen Hymne, die er für die türkische Fußballnationalmannschaft anlässlich der EM schreiben soll. Muhabbet: „Die Türkei braucht auch ein Sommermärchen.“ Annette Kögel

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