Stadtleben : Der dunkle Glanz

Volker Kutschers „Der nasse Fisch“ aus dem Berlin der wilden Zwanziger

Werner van Bebber

Dieses heute so beliebte Häusermeer namens Berlin muss mal eine richtig harte, üble Stadt gewesen sein. Volker Kutscher lässt seine Geschichte von einem jungen Polizisten im Jahr 1929 spielen – einer Zeit, in der militaristisch und vaterländisch gesonnene Polizisten gelegentlich auf revolutionär eingestellte Demonstranten schossen. Zwei der Toten, die in diesem Roman zu obduzieren sind, haben den Fehler gemacht, vom Fenster aus zuzusehen, während unten auf der Straße Polizisten Demonstranten jagen. Verirrte Kugeln haben die Frauen erwischt.

Die Berliner Härte von damals hatte auch andere Aspekte. Polizeifreie Räume, die heute gelegentlich befürchtet werden, gab es damals offenkundig: Gegenden östlich der Spree, aus denen Polizisten sich fernhielten, weil hier die Berufskriminellen in der Überzahl waren. Berlin funktionierte gut als Metropole des organisierten Verbrechens. Spannungen zwischen Rechten und Linken, Polizisten, die sich als Einzelkämpfer verstehen, Kriminelle, die in der Art von Syndikaten mit Rauschgift handeln – das ist der Untergrund einer Stadt, in der Vergnügung und schnelles Leben angesagt sind, junge Frauen die Welt für sich entdecken, junge Männer groß rauskommen wollen. Man denkt, während der Roman sehr rasch an Tempo gewinnt, ein bisschen an „Cabaret“ oder „Menschen am Sonntag“. Doch diese Gedanken sind schnell vergangen. Denn Kutscher hatte keinen Film im Kopf, als er seinen Roman verfasste. Er gehört zu den Autoren, die mit Freude am Detail die Schauplätze ihrer Geschichte darstellen.

Also Berlin, Mai 1929: Schon damals war die Gegend hinter dem Nollendorfplatz gut für Leute, die in der Nacht etwas Besonderes erleben wollten. Es gab die neuen schicken Mokka-Bars am Potsdamer Platz, und es gab die Spelunken in anderen Teilen der Stadt, die Varietés – und die Swinging Singles in der großen schnellen Stadt auf der Suche nach Sex, am Anfang von etwas, das Liebe werden sollte.

Der Roman, in dem es eigentlich um ein obskures Verbrechen geht, das wie jede ordentliche böse Tat andere nach sich zieht, hat viele Schichten und kommt ohne die eine Hauptfigur aus. Gereon Rath, Kommissar mit Sitz im Präsidium am Alexanderplatz, zugewandert aus dem Rheinland, ist eine der Gestalten, die sich durch die Stadt hindurchkämpfen: Kein reiner Held, nicht mal nur sympathische Figur. Er lässt sich auf eine der Geschichten ein, die immer für ein hohes Maß an Spannung gut sind: Polizist trickst bei den Ermittlungen, will starken Eindruck machen – und gerät vom Lager der Guten in die Grauzone, in der Moral nicht mehr viel gilt. Karriere, Liebe – alles auf märkischen Sand gebaut. Die Stadt, in der dieser Gereon Rath unterwegs ist, kommt einem vertraut und fremd zugleich vor. Was heute nach Mythos Berlin klingt, ist damals entstanden oder war gerade modern. Aber die Leute von damals sind wie die Leute von heute: Glücksucher, halbe Helden, Finsterlinge. Gewiss, dieser Krimi ist so gebaut, dass er auch als Geschichte aus der Gegenwart funktionieren würde. Aber wenn die späten, schon dekadenten zwanziger Jahre so nahe sind, lohnt sich die Zeitreise.







— Volker Kutscher:
Der nasse Fisch. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 495 Seiten, 19,90 Euro. Demnächst auch als KiWi-Taschenbuch erhältlich.

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