Stadtleben : Der Kampf um jedes Wort

Nirgends ist Poetry Slam so erfolgreich wie in Berlin Morgen startet die Meisterschaft der Bühnendichter

Kolja Reichert

„Wenn ich ein John Deere 7810 Power-Shifter mit Gewicht in der Fronthydraulik wär, dann hätt' ich bestimmt keine Frauenprobleme mehr!“ Im Publikum gibt es kein Halten, wenn die zierliche Lara Stoll zum Traktor wird. Aggressiv stößt die 19-jährige Schweizerin ihre schmalen Hüften nach vorne und inszeniert mit schriller Stimme einen imaginären Rachefeldzug gegen Ex-Liebhaber, nervende Frauen und Politiker.

Am Mittwoch kommt Lara nach Berlin. Vier Tage lang laufen hier die zehnten deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, ein Dichterwettstreit mit den 130 erfolgreichsten Bühnendichtern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Finale steigt am Sonnabend im Admiralspalast. Im vorigen Jahr ist Lara Stoll in München Jugendmeisterin geworden. Mit ihrem Vortrag machte sie auch ältere Kollegen sprachlos und zeigte der ganzen Szene noch mal, welche Kraft im Poetry Slam steckt. „Slam, das heißt für mich, Texte rauszuhauen wie man Türen zuschlägt, Texte, in denen es ums Hier und Jetzt geht“, sagt Wolf Hogekamp aus dem Organisationsteam der Meisterschaften. Er brachte einst das Phänomen Poetry Slam aus den USA nach Deutschland. Vor zehn Jahren veranstaltete er die ersten deutschen Slammeisterschaften – in Berlin.

Inzwischen gelten die Wettbewerbe der Bühnendichter als Pop-Phänomen. In mehr als 100 deutschen Städten gibt es regelmäßig Poetry Slams, bei denen Autoren antreten und das Publikum den besten Vortrag wählt. Auch das Fernsehen hat die Bühnendichtung schon entdeckt. Der WDR bereitet gerade die zweite Staffel seines TV-Slams vor.

Poetry Slam entsteht in der direkten Kommunikation zwischen Poet und Publikum. Die Texte greifen oft aktuelle Themen auf und Erfahrungen, die jeder teilt. Die Bühne ist offen für alle, mit Ausnahme der Meisterschaften, deren Teilnehmer sich über zahlreiche Einzelsiege qualifizieren mussten. „Jeder Auftritt ist einzigartig“, sagt der Berliner Slam-Veteran Felix Römer. „Du weißt nie genau, was auf der Bühne mit deinem Text passiert.“ Auch das Publikum weiß nie, was es erwartet. Meist hat jeder Autor nur fünf Minuten – da ist Themenvielfalt garantiert. Auf einen Freestyle-Rap folgt schon mal ein Märchen.

„Berlin hat die lebendigste Slam-Szene Europas“, sagt Hogekamp. Die Stadt ist ohnehin Hauptstadt der Bühnenliteratur. Lesebühnen wie die Surfpoeten oder die Chaussee der Enthusiasten ziehen wöchentlich bis zu 200 Zuschauer an. Doch nicht jeder Bühnenleser ist auch Slammer. Surfpoet Ahne etwa sieht die Wettbewerbssituation kritisch. „Auf Dauer läuft man da Gefahr, zu sehr aufs Publikum hin zu schreiben, statt neues auszuprobieren.“ Sein Kollege Volker Strübing hat damit keine Probleme: „Der sportliche Aspekt macht mir Spaß.“

Wie Strübing, der auch Bücher schreibt, machen inzwischen viele Slammer Bühnenkarriere, veröffentlichen CDs wie der Berliner Bas Böttcher oder sind als Kabarettisten erfolgreich wie der letztjährige Sieger Marc-Uwe Kling, ebenfalls Berliner. Poetry Slams sind für diese Künstler auch eine gute Möglichkeit, neue Ideen vor Zuhörern zu testen.

Wer am Samstagabend im Admiralspalast auf der Bühne steht, entscheidet das Publikum in acht Vorrunden und drei Halbfinals, die alle in Kreuzberger Clubs stattfinden. Startschuss ist am Mittwoch um 18 Uhr im Ballhaus Naunynstraße.

Zum ersten Mal ist „U20-Slam“ für Jugendliche gleichberechtigter Teil der Meisterschaft. „Immer mehr Schüler begeistern sich für die poetische Rede“, sagt U20-Organisatorin Petra Anders. Das ist auch einer umfangreichen Nachwuchsarbeit zu verdanken. Erfahrene Poeten haben im vorigen Jahr 50 Workshops an Berliner Schulen veranstaltet. Am Donnerstagabend werden beim Berliner Finale im Kato drei Nachwuchsdichter ausgesucht, die an der Meisterschaft teilnehmen. Wer dann am Samstag das Publikum im Admiralspalast für sich gewinnt, darf zur U20-Weltmeisterschaft nach San Francisco fliegen.

Lara Stoll müssen die Jugendlichen jedenfalls nicht mehr fürchten. Die Älteren schon – sie tritt jetzt im Hauptwettbewerb an.

Das Festivalprogramm und weitere Infos auf www.slam2007.de

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