Stadtleben : Der Musical-König

Komponist Gerd Natschinski wird 80 „Mein Freund Bunbury“ machte ihn weltberühmt

Heidemarie Mazuhn

Diese Lieder kannte in der DDR wohl jedes Kind: „Die Heimat hat sich schön gemacht“ und „Blaue Wimpel im Sommerwind“ gehörten zum festen Repertoire des Musikunterrichts. Vertont hatte sie Gerd Natschinski, der „Musical-König“ der DDR. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Zu verdanken sind ihm Erfolge wie „Mein Freund Bunbury“, dem 1964 entstandenen Musical nach Oscar Wildes „Ernst sein ist alles“. Mit mehr als 150 Inszenierungen und 6000 Aufführungen im In- und Ausland in zehn Sprachen gehört „Bunbury“ zu den erfolgreichsten deutschen Musiktheaterstücken überhaupt. „Bunbury und seine Freunde gratulieren“ lautet denn auch das Motto der Geburtstagsfeier, die für den Komponisten heute in der Musikakademie Rheinsberg ausgerichtet wird.

Bei seinen vorherigen runden Jahrestagen habe er sich verkrümelt und nur im engsten Familienkreis gefeiert, erzählt der Jubilar, der eher unspektakulär in Oberschöneweide wohnt. Nur zum 50. gab es eine große Fete. Damals leitete Natschinski für drei Jahre als Intendant das Metropol-Theater.

Und komponiert hat er viel. Neben „Bunbury“ stehen elf weitere Musiktheaterstücke wie „Servus Peter“, „Casanova“ oder die Operette „Messeschlager Gisela“ auf seiner Schaffensliste. Mit der Operette hatte er 1960 am Metropol-Theater seinen ersten durchschlagenden Erfolg. Die Geschichte eines unfähigen Direktors, den seine Belegschaft zum Rücktritt zwingt, wurde „von ganz oben“ gestoppt. Da waren allerdings schon 700 Vorstellungen gelaufen.

Natschinski hat mehr als 70 Musiken zu Defa-Filmen geschrieben wie „Revue um Mitternacht“ und „Der Mann, der nach der Oma kam“. Unzählige Lieder und Schlager gehören heute zu seinem kompositorischen Oeuvre. Auszeichnungen gab es dafür auch: den Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR oder internationale Schlagerpreise.

Am 23. August 1928 im sächsischen Chemnitz geboren, wuchs Natschinski in Dresden in einem musikliebenden Elternhaus auf. „Mein Vater war ein großartiger Geiger“, sagt der Komponist, und die Mutter habe schön gesungen. Für den Sohn, der schon im Alter von zehn Jahren komponierte, stand von Anfang an fest: Dirigent wollte er werden. Nach dem Krieg studierte er und brachte sich vieles autodidaktisch bei. Schon mit 18 heiratete er und bekam eine Stelle als Musiklehrer und Kantor in dem Örtchen Claußnitz. 1947 wurde dort sein erster Sohn Thomas geboren, der es später ebenfalls zu Ruhm und Ehre als Komponist bringen sollte. Sein Vater machte derweil Tempo: 1948 hatte er sein eigenes Unterhaltungsorchester und gab die ersten Konzerte. Und 1953, mit 24, da war Natschinski „senior“ Chefdirigent des Großen Unterhaltungsorchesters des (Ost-)Berliner Rundfunks und nebenbei Meisterschüler von Hanns Eisler.

In der SED war er nie, trat aber in die Blockpartei LDPD ein. Viele Künstler wählten den gleichen Weg, um vor der allmächtigen Staatspartei ihre Ruhe zu haben. „Richtig Parteigänger war ich aber nicht“, sagte er beim Gespräch, in dem er die Fragen nach Privilegien in der DDR nicht allzu angebracht und wichtig findet. Wichtig sei für Natschinski, der schon vor dem Mauerfall am Pult des WDR-Rundfunkorchesters stand, immer nur seine Musik gewesen.

Bis heute ist der 80-Jährige, der in zweiter Ehe einen 13- und einen 26-jährigen Sohn hat, viel beschäftigt. Seit sieben Jahren kümmert er sich als Präsident der Dramatiker Union – des 1871 in Leipzig gegründeten ältesten deutschen Autorenverbandes – um die urheberrechtlichen Belange der Mitglieder, zu denen Günter Grass und Paul Kuhn gehören.

Wünsche zu seinem Geburtstag hat er keine besonderen – natürlich Gesundheit und geistige Wachheit. Ob er 100 Jahre werden möchte? „Wenn’s sich lohnt“, sagt er und freut sich schon mal auf den Juli 2009. Da soll auf der Regattabühne in Grünau „Heißer Sommer“ sein. So heißt die Bühnenfassung des gleichnamigen Filmmusicals mit dem DDR-Traumpaar Chris Doerk und Frank Schöbel. Die Musik dazu hatten Vater und Sohn Natschinski 1968 geschrieben. Mehr als sechs Millionen Kinobesucher sahen den Streifen – selten hatte ein Film derart königlichen Erfolg. Heidemarie Mazuhn

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