Stadtleben : Deutschrock im Auftrag des Herrn

Patchwork feiern heute ihren 20. Geburtstag mit einem Jubiläumskonzert 1987 begannen die Musiker als Kreiskirchenband in Brandenburg

G,a Bartels

Dienstagabend ist Probe bei den Deutschrockern von Patchwork. Und das schon seit 20 Jahren. Geübt wird in einer verputzten Baracke aus den Sechzigern, die jede Menge DDR-Charme verströmt. Ein Holzkreuz an der Wand verrät, dass das mal ein Gemeindesaal war. Lockeres Geflachse schwirrt hin und her. „Ihr seid ja flexibel wie’n Kachelofen“, mosert Bassist Frank Menzel gerade. Die sechs Musiker und ihr Techniker, alle zwischen 35 und 45, benehmen sich wie ein altes Ehepaar. Sie leben jetzt zwar verteilt in Berlin und Brandenburg, aber geprobt wird immer noch in Brandenburg an der Havel, wo die Jungs 1987 als Kreiskirchenband begonnen haben, Musik mit Message zu machen.

„Inzwischen sind wir der einzige Exportschlager des Erzbistums Berlin“, feixt Mixer Clemens Müller. Im Juni trat die Band vor 60 000 jubelnden Menschen samt TV-Übertragung bei der Eröffnung des evangelischen Kirchentags in Köln auf. Und auch bei sämtlichen katholischen Weltjugendtagen in Polen, Italien, Frankreich oder Deutschland waren sie seit der Wende dabei. Am heutigen Samstag feiern sie im Kino Kosmos ihren 20. Bandgeburtstag – mit einem Jubiläumskonzert, der Record-Release-Party der neuen CD „Ganz nah“ und dem Rockoratorium „überLeben“. Für sie geschrieben hat es Peter Gotthardt, der Komponist der legendären, von den Puhdys gespielten Filmmusik von „Die Legende von Paul und Paula“. Und sinfonische Unterstützung kommt vom Schülerorchester des gegenüber gelegenen Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums.

Was das für Musik ist, die Patchwork machen? „Lustige, tanzbare Musik, bei der man die Texte verstehen und seinen Kopf nicht abschalten soll“, sagt Frontmann Christoph Kießig. Tagsüber ist er Sozialpädagoge und Grafiker und abends textet er Songs, spielt Saxophon und singt. Die Band komponiert gemeinsam und spielt alles, „was fetzt“: von Rocknummern bis zu Balladen über Reggae, Rap, Swing und Latin. „Die Vielfalt ist unsere Stärke“, meint sein Bruder, der Keyboarder Claudius Kießig, da sei für jeden im Publikum was dabei. „Egal, ob er Party machen oder zuhören will.“

Und dann ist Probenpause und alle setzen sich an den vom Tonmann gedeckten Abendbrottisch. Das ist ein Bild: sieben völlig verschiedene Musikertypen, von herzlich bis obercool, sitzen auf Ostmöbeln und singen mehrstimmig das Tischgebet „Segne Vater diese Gaben“. Wie das in der DDR ging, Kirchenrocker zu sein? „Draußen auftreten war bis kurz vor der Wende undenkbar“, erzählt Schlagzeuger Raymund Menzel. Sie seien trotz ihrer in der Gegend mit der Band Keimzeit zu vergleichenden Popularität nur im „Schutzraum Kirche“ unterwegs gewesen. Immer gut bewacht. Eine Stasiakte haben alle, meint Trompeter Andreas Schalinsi. Die „Sonderstufe mit Konzertberechtigung“ für große öffentliche Auftritte gab’s erst im Oktober 1989 vom untergehenden Staat.

DDR-Geschichten tauchen aber nur gelegentlich in den deutschen Songtexten auf, die sich ansonsten ironisch oder innig um Alltagsthemen drehen. Platt religiös ist keiner von ihnen. Im Gegenteil – manche poetische Zwiesprache mit Gott könnte auch locker als Liebeslied durchgehen. Das ist Absicht der ökumenischen Band, die zwar „Gottes frohe Botschaft“ unter’s Volk bringen will, aber die Jesus-liebt-dich-Phrasen von Sakropopbands peinlich findet. „Wir Patchworker sind keine Halleluja-Schlümpfe.“ Im Auftrag des Herren seien sie aber auf jeden Fall unterwegs. „Den hat jeder Mensch, dem Gott Talent geschenkt hat.“ Gunda Bartels

Das Rockoratorium „überLeben“ mit Patchwork, dem Sinfonieorchester des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums, anschließendem Jubiläumskonzert und Record Release Party der Band läuft heute ab 18.30 Uhr im Kino Kosmos, Karl-Marx-Allee 131 a. Eintritt: Abendkasse 13 Euro, Tel.: 56 49 71 67.

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