Stadtleben : Die aufgeschlossene Stadt

Am Wochenende ist wieder Tag des offenen Denkmals. So viele Bauwerke wie diesmal waren noch nie dabei

Sebastian Leber

Das Rundfunkzentrum in der Nalepastraße interessiert eigentlich jeden: Der Nostalgiker kann sehen, von wo aus früher die überregionalen Radioprogramme der DDR gesendet wurden. Der politisch Interessierte kann sich ein Bild von der Immobilie machen, die Spekulanten ein umstrittenes Millionengeschäft ermöglichte. Und wer jung ist und Klingelton-Musik mag, darf sich auf den Besuch des Gebäudes freuen, weil Mark Medlock hier sein Video zum Nummer-eins-Hit „Now Or Never“ gedreht hat.

Am Wochenende ist wieder Tag des offenen Denkmals. 350 Bauwerke sind diesmal dabei, das ist ein neuer Rekord. „Unser Programmheft umfasst inzwischen mehr als 100 Seiten“, sagt Christine Wolf vom Landesdenkmalamt, „wo soll das noch hinführen?“ Das meint sie positiv.

„Berliner Erbe der Nachkriegszeit“ lautet eigentlich das diesjährige Motto. Leider sind die meisten Führungen zu diesem Thema bereits ausgebucht. Aber den Henry-Ford-Bau der FU kann man sich am Sonnabend auch ohne Voranmeldung angucken; das Gebäude ist erstmals beim Tag des offenen Denkmals dabei. Und in Wilmersdorf ist am Sonntag das Gebäude der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geöffnet. Auch hier sind Führungen geplant – es geht rauf auf die Dachterrasse im 17. Stock. Wirklich schön anzusehen ist das Gebäude zwar nicht, und „viele laufen heute daran vorbei, ohne sich etwas zu denken“, gibt Christine Wolf vom Landesdenkmalamt zu. Aber bei seiner Errichtung vor mehr als 50 Jahren sei das Gebäude ein „Statement für gesellschaftlichen Wandel und den totalen Neuanfang“ gewesen. Weil bewusst auf die massiven Fassaden der NS-Bauweise verzichtet wurde, weil der Bau „so leicht und offen“ wirke und die Fenster dominierten.

Auch abseits des Nachkriegs-Mottos gibt es lohnende Programmpunkte: Im Berliner Dom führt Dombaumeister Stefan Felmy persönlich durch Altarraum, Kaiserloge und Hohenzollerngruft. An der Oberbaumbrücke wird der Westturm geöffnet – erst zum dritten Mal seit Kriegsende. Im Kino International in der Karl-Marx-Allee kann man den streng abgetrennten „Repräsentationsraum“ besichtigen, der Erich Honecker und seinen Vertrauten vorbehalten war. Und auf dem Alten Garnisonfriedhof in Mitte können nach längerer Restaurierung wieder die Grabstätten von Berliner Ehrenbürgern wie dem Dichter Baron de la Motte-Fouqué bewundert werden. Manchmal lernt man auch etwas, obwohl es kaum etwas zu sehen gibt: Am Sonntag startet an der Marienkirche die Stadtführung „Verlorene Orte des Gebets“. Die Tour läuft an 20 Stationen entlang, an denen einst Gotteshäuser standen. Unter anderem geht es zu den früheren Standorten der Anglikanischen Kirche im Monbijoupark, der Garnisonkirche und der Synagoge in der Heidereutergasse.

65 000 Besucher kamen beim letzten Mal, so viele sollen es wieder werden. Allerdings sei es denkbar, dass das zwar spannende, aber etwas trockene Nachkriegsmotto den Schnitt leicht senke, sagt Christine Wolf. Falls diese Theorie stimmt, gibt es im nächsten Jahr einen Riesenansturm. Dann soll es nämlich um „Stätten des Genusses“ gehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar