Stadtleben : Die Bekenntnisse des Bildschirmpensionärs

Von wegen Ruhestand: Mit seinem abendfüllenden Programm „Mein Theater mit dem Fernsehen“ kommt Alfred Biolek ins Tipi-Zelt

G,a Bartels

Eine schläfrige Nachmittagsruhe liegt über dem Restaurant „Borchardt“ am Gendarmenmarkt. Vom abendlichen Promitrubel keine Spur. Und Alfred Biolek, der dunkelbraun beschlipst in einer Ecke sitzt, bemerkt man erst beim dritten Hinschauen. „Wir hatten gerade einen kleinen Lunch“, sagt Deutschlands populärster Fernsehpensionär, verabschiedet seinen Freund und bestellt fürsorglich ein weiteres Wasserglas.

Ein bisschen sieht der 73-jährige Talkmaster, Moderator, Fernsehkoch und Produzent aus, als sehne er sich nach einem Sofa. Was Wunder, bei den Terminen, die Biolek trotz seiner einjährigen Fernsehabstinenz im ganzen Land abklappert. „Schauen Sie mal“, er zeigt sein Notizbuch, „das ist allein der Oktober!“ Und rattert Engagements herunter, von der Moderation eines Sinfoniekonzerts bis zur Gesprächsrunde mit der Bundespräsidentengattin. Kommt er da überhaupt dazu, Zeit in Berlin zu verbringen? Aber ja, sagt Biolek, wie schon seit sieben Jahren wohne er ein Drittel des Monats in Prenzlauer Berg an der Grenze zu Mitte. „Gerade kam der Bescheid für die Zweitwohnsitzsteuer“, bemerkt er trocken. Der Kiez habe sich in der Zeit gut rausgeputzt, lobt Biolek.

Mit seiner anekdotenreichen, durchaus selbstironischen Show „Mein Theater mit dem Fernsehen“ folgt Alfred Biolek am Montag im Tipi seinem bewährten Erfolgsmuster: etwas Ausprobieren und damit gleich ein neues Unterhaltungsgenre schaffen. So hat er es als Erfinder der Kochshow in „alfredissimo“ gehalten, als wöchentlicher Talker in „Boulevard Bio“ und mit Shows wie „Bios Bahnhof“ oder Rudi Carells von Biolek produziertes „Am laufenden Band“.

„Die Idee ist: Man kauft sich eine Theaterkarte, zieht sich schön an, geht ins Theater und schaut Fernsehen“, grinst der nun doch hellwache Herr. In seiner Show erzählt er Persönliches, Charmantes, Peinliches, Kritisches aus seinen über 40 Fernsehjahren, die er 1963 noch als Jurist beim ZDF begann, und zeigt dazu kuriose Schaffensbeispiele. Am Klavier sitzt Rainer Bielfeldt und liest den einen oder anderen Bio-Verriss vor.

Ilja Richter, der zusammen mit der Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler Stargast im Tipi ist, kennt Alfred Biolek schon seit den Sechzigern. Da war er stellvertretender Unterhaltungschef des ZDF und Richter der junge Schlaks, der die Sendung „Disco“ moderierte. „Der rief mich dauernd an, weil er nicht mit seinem Redakteur klarkam“, schmunzelt Biolek.

Ob er jetzt eine Art Elder Statesman der Showbranche ist? „Ja, genau das: Ich toure mit der Show, mache bezahlte Jobs, wenn sie mir gefallen, und viel Benefiz, besonders für meine Afrika-Stiftung.“ Seinen Job als Honorarprofessor an der Medienkunsthochschule Köln hat er an den Nagel gehängt. „Wenn ich weiter Studenten beibrächte, wie Fernsehen gemacht wird, hätten sie niemals Erfolg“, meint der mit allen denkbaren Preisen dekorierte Profi und bekennt, dass er mit der Fernsehunterhaltung von heute nicht mehr viel anfangen kann. Mit den vielen Kanälen und vor allem der ewigen Wiederholung weniger Unterhaltungsideen habe sich das Medium radikal verändert. Spricht da der Kulturpessimist? „Nein, der Kulturrealist! Es ist nun mal eine andere Zeit, ganz einfach.“ Und dann schwärmt er vom lebendigen Kontakt zu seinem Theaterpublikum.

40 Jahre Fernsehen als konzilianter Plauderer – ob er das privat auch sei? „Ich kann durchaus aufbrausend sein“, offenbart der oft für seine Harmoniesucht gescholtene Talkmaster, „aber das ist schnell wieder vorbei.“ Er sei nie Journalist, sondern immer Gastgeber gewesen, sagt Alfred Biolek nachdrücklich, und habe keine Interviews, sondern Gespräche geführt. Und auch in Zukunft sei er gespannt auf Menschen, Leben und Kochen.

Das „Borchardt“ ist übrigens Alfred Bioleks Lieblingsrestaurant in Berlin. Warum er sich hier so zu Hause fühlt, weiß er selber nicht genau. „Menschen fragen sich auch nicht, warum sie Freunde sind“, lächelt er. „Sie sind es einfach.“

Alfred Biolek, „Mein Theater mit dem Fernsehen“, 22. Oktober im Tipi. Karten: (0180) 327 9358 oder www.tipi-das-zelt.de

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