Stadtleben : Die Ewigkeit des Augenblicks

KONZERT DER WOCHE 15 Jahre ließ Leonard Cohen die deutschen Fans warten Am Sonnabend kommt er in die O2-World und erobert wieder einmal Berlin

Eva Kalwa

Seine unverwechselbare Stimme ist tief wie ein Wunschbrunnen. Leonard Cohens Lieder schenken einer warmen Sommernacht die zarte melancholische Schwere, die sie lange in Erinnerung bleiben lässt. Seit 40 Jahren rufen seine Songs Bilder von reifen Trauben wach, deren Süße an das Ende des Sommers gemahnt. Sie fordern auf, das letzte Glas roten Weins zu genießen. Und sie lauschen schönen Frauen nach, deren helles Lachen im Dunkeln verklingt. Und seine Gäste hat sich der Meister der schwebenden Momente mit einem Lied eingeladen: „The Guests“. Viele kommen mit weit offenem Herzen, nur wenige mit gebrochenem, so heißt es darin.

15 Jahre ist es her, dass der Troubadour aus Montreal seine deutschen Anhänger auf einem Konzert zum Tanz gebeten hat. „Take this Waltz“, der libidinöse Walzer mit dem Tod, stammte vom 1988er Album „I’m Your Man“. Die zweite Strophe des dem spanischen Dichter Federico García Lorca gewidmeten Liedes – nach ihm hatte Cohen seine 1974 geborene Tochter benannt – beginnt mit den Worten „There is a Concert Hall in Vienna“. Am Sonnabend steht diese Halle nicht in Wien, sondern in Berlin. Doch sicher werden Cohen, seine sechs Musiker und die drei Background-Sängerinnen (Sharon Robinson, Charly und Hattie Webb) auch und gerade in der O2-World das Vergängliche und Morbide beschwören - und es lust- und ironievoll in die Ewigkeit des Augenblicks überführen.

Als der Kanadier im April sein Konzert für den 30. August in der Waldbühne aus „logistischen Gründen“ absagen musste, sah es zunächst nicht so aus, dass Cohen auf seiner Europatournee den Weg nach Berlin finden würde. Doch nun, nach Dublin im Juni und einigen Konzerten in Osteuropa, will der seit kurzem 74-Jährige „Berlin in Besitz nehmen“ – wenn das alte Song-Versprechen („First we take Manhattan than we take Berlin“) gehalten wird. Auf einer im Internet kursierenden Setlist für die Tournee stehen viele seiner Klassiker wie „Suzanne“, „Who by Fire“ und „Hallelujah“ – kaum jedoch Lieder von den beiden letzten Studioalben, die stark durch die spirituelle Sinnsuche und den Aufenthalt Cohens in einem buddhistischen Zen-Kloster geprägt waren und von vielen Fans und Kritikern als enttäuschend aufgenommen wurden.

Eine der wenigen Ausnahmen: „In My Secret Life“ von den „Ten New Songs“ aus dem Jahr 2001. Die Geburtsstunde des Stücks reicht allerdings in das Jahr 1988 zurück – wie so oft brauchte es lange, bis Cohen mit dem Ergebnis seiner Arbeit zufrieden war und „Das geheime Leben“ es auf sein zehntes Studioalbum schaffte. „Ich kann keinen Vers verwerfen, bis ich nicht so viel Sorgfalt in ihn investiert habe, wie in einen, den ich behalte“, sagte er in einem Interview. Wie viele andere Lieder ist auch „In My Secret Life“ von mehreren Musikern gecovert worden, unter ihnen Katie Melua und Eric Burdon, der 2004 gleich sein ganzes Album nach dem Stück benannte. Über 1540 Coverversionen von Cohen-Songs zählt die Seite www.leonardcohenfiles.com, einige davon wurden kommerziell erfolgreicher als die Originale. Zahlreiche Tribut-Alben, unter anderem mit Nick Cave, R.E.M., Sting und U2 kamen in den letzten Jahrzehnten auf den Markt.

Die harmonischen, minimalistischen Arrangements seiner Lieder und die träumerisch feinfühlige Lyrik zwischen himmelsnaher Transzendenz und weizenfarbener Erdverbundenheit, Gottesbeweis und Teufelspakt, bieten vielen Musikern und Hörern ganze Universen an Identifikationsmöglichkeiten. Der Sänger, der in seinem ersten Leben ein schüchterner Dichter war und mit Wortes Hilfe die Gunst der Frauen für sich gewinnen wollte, ist ein poetischer Surrealist wie Lorca. Einer, der beweist, dass die Wirklichkeit, gerade die zwischen zwei Menschen, ohne einen Schritt darüber hinauszutreten nicht angemessen beschrieben werden kann: Die Liebe, weiß Cohen, ist ein Tanz mit einer brennenden Violine - und ein Heilmittel dagegen gibt es nicht. Eva Kalwa

Leonard Cohen, 4. Oktober, 20 Uhr, O2-World. Zurzeit sind noch Karten zwischen 68 und 93 Euro verfügbar. www.O2world.de, Telefon 01803/206070.

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