Stadtleben : „Die Gäste der Zukunft kommen aus Bombay“

Burkhard Kieker wird neuer Chef der Berlin Tourismus Marketing. Noch ist er oberster Werber der Flughafengesellschaft

Jörn Hasselmann

Tourismus-Chef von Berlin: Ein leichter Job, möchte man meinen. Immer mehr Gäste kommen, jubeln über Berlin, die spannende Stadt, die billigen Bettenpreise. Am Ende eines jeden Jahres geht es nur um die Höhe des Zuwachses, plus fünf Prozent oder plus zehn Prozent. Am Ende dieses Jahres wird Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus-Marketing GmbH die Zahlen bereits mit seinem Nachfolger bekannt geben. Der wurde gestern der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine innerberliner Lösung: Burkhard Kieker, derzeit Marketing-Chef der Flughafengesellschaft, soll es werden.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) fand eine passende Formulierung, wie das zusammenpasst, Nerger und Kieker, Tourismus und Flughäfen: „Die attraktivste Stadt nutzt nicht, wenn man nicht hinkommt.“ Und die Gäste der Zukunft sollen auch nicht aus Bochum oder Peine kommen, sondern aus Bombay und Peking. Das seien die „Märkte“, auf die Berlin setzen will. Kieker formulierte es so: „Wir müssen es in die Köpfe des indischen und chinesischen Mittelstandes hineinbekommen, dass Berlin eine attraktive Stadt ist.“

So habe die Marktforschung ergeben, dass es in Indien derzeit 120 Millionen Menschen gebe, die Geld für eine Fernreise hätten. In China sehe es ähnlich aus. Dass Burkhard Kieker genau darüber in der vergangenen Woche auf einer BTM-Pressekonferenz gemeinsam mit Hanns Peter Nerger gesprochen hatte, sei reiner Zufall gewesen, hieß es gestern. Und dass Kieker an diesem Mittwoch schon in der engeren Wahl war, wussten nur wenige. Kieker selbst versicherte, dass er am Morgen auch noch nicht gewusst habe, dass er neuer Tourismus-Chef der Hauptstadt werde.

Der Aufsichtsratschef der BTM, Dietmar Otremba, sagte gestern, dass die Entscheidung für Kieker erst am Vormittag im Aufsichtsrat getroffen worden sei, und zwar einstimmig. Seit September letzten Jahres, als Nerger seinen Abschied ankündigte, hatten so genannte „Headhunter“ in Frage kommende Führungskräfte angesprochen, und zwar weltweit. Vier waren letztlich in die engere Wahl gekommen, Namen wurden nicht genannt. Kieker ist 47 Jahre alt, gelernter Journalist, früherer Redakteur der Zeit und Auslandskorrespondent in China. Seit zehn Jahren ist er Flughafensprecher.

Als Hanns Peter Nerger vor 14 Jahren den Job als BTM-Chef übernahm, war alles ein paar Nummern kleiner gewesen. Tourismus wurde vom „Verkehrsamt“, einer Senatsbehörde, vor allem verwaltet. Nach dem Mauerfall dümpelte die Stadt ideenlos vor sich hin. Der damalige Maritim-Hoteldirektor Thomas Wachs kannte den Kurdirektor von Travemünde, schließlich hatte Maritim auch dort ein Hotel. Nerger wurde gefragt, sagte zu und erlebte ein schlimmes erstes Jahr. „Voll gegen die Wand gefahren“, titelte der Tagesspiegel wenige Wochen nach Nergers Beginn. Die Zwangsfinanzierung der Berlin-Werbung über eine Zwangsabgabe der Hoteliers war vor Gericht gescheitert, niemand hätte damals eine Mark darauf verwettet, dass Nerger 15 Jahre bleiben würde.

Doch der frühere Marineoffizier schmiss nicht hin, sondern brachte nach und nach die Kontrahenten an einen Tisch. Berlin wird seitdem weltweit als Marke verkauft; und die Touristen kamen. 1993 waren es sieben Millionen Übernachtungen, 2007 bereits 17 Millionen. Für 2010 peilt die BTM – mit Kieker – 20 Millionen an.

Und Hanns Peter Nerger? Bleibt in Berlin. Er ist gerade 61 Jahre alt geworden und will sich künftig um die von seiner Familie, den Besitzern der Frankfurter Henninger-Brauerei, gegründeten Stiftung kümmern. Sie vergibt Deutschlands höchstdotierten Umweltpreis.

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