Stadtleben : Die hohe Kunst der Verhüllung

Wer was verschenken will, muss einpacken. Oder jemanden damit beauftragen

G,a Bartels

Wer einwickeln kann, muss auch auspacken können – das galt schon in der Antike. Und genauso wie das zeremonielle Schenken hat auch nobles Verpacken nicht erst mit der bürgerlichen Schenkkultur der letzten paar hundert Jahre, sondern schon viel früher angefangen. Die Heiligen Drei Könige dürften dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe aus dem Morgenland wohl kaum in der hohlen Hand nach Bethlehem getragen haben. Apropos Lieferung: der Post- Paketdienst DHL bringt Pakete und Päckchen nicht nur Heiligabend, sondern auch am Sonntag zuvor. Inlandspost bis zum 21. Dezember aufgeben, sagt die Homepage. „Besser isses aber bis 20. Dezember, 16 Uhr", mahnt der Postler am Schalter.

Jede Hausfrau weiß: ohne schützende Verpackung kein bruchfester Geschenktransport. Schleifen und Einwickelpapiere lassen sich übrigens, flink aufgebügelt, sehr schön wieder verwenden (Tesa weglassen!), aber das schweift jetzt etwas ab. Zum Glück hat die empirische Schenkforschung (gibt's wirklich!) herausgefunden, dass auch in diesen kalten neoliberalen Zeiten die sogenannte Handschenkung überwiegt. Das heißt: Tante Erna überreicht Klein Fritzchen unterm Tannenbaum ein Präsent. Weil das aber meist kein selbst geklöppeltes Taschentuch, sondern schnöde gekaufte Ware ist, muss sie erst „durch Entfernen des Preisschildes und Einwickeln in sogenanntes Geschenkpapier zum Geschenk transformiert werden“, weiß Schenk-Forscher Friedrich Rost von der FU.

Das ist das Stichwort für die Produktdesignerin Lisa Kächele, 32, aus Prenzlauer Berg. Ihr Papierladen „Mikro“ in der Lychener Straße 51 ist seit ein paar Monaten ein Dorado für angehende Verpackungskünstler. Es gibt nicht nur Tüten zum Verpacken, sondern auch kunstvolles Japan-Papier, retroschicke Originalbögen aus den fünfziger Jahren, Papierapplikationen wie pinke Libellen oder rote Krebse, goldene Tropfenbänder, winzige Pompons zum Aufkleben und andere lustige Sachen. „Das Leben ist nicht zu schaffen“, hat Lisa Kächele richtig erkannt, „besonders vor Weihnachten." Sie wolle Alltagschaos strukturieren und verschönern. Da ist es konsequent und geschäftstüchtig, dass sie ihre Mission, den Menschen das Leben zu erleichtern, zum Fest mit einem Über- Nacht-Verpackungsservice krönt. Bis zum 22. Dezember kann man seine Gaben bringen und am nächsten Tag eingewickelt wieder abholen. Kostenpunkt: ab 8,50 Euro – je nach Aufmachung und Größe. Warum eine individuelle Verpackung bei Geschenken so wichtig ist? „Weil sich Witz, Kreativität, Wertschätzung und investierte Zeit darin spiegeln“, philosophiert Lisa Kächele.

Ein paar Bezirke weiter westlich in der fünften Etage des KaDeWe glitzert der Einpackkult ohne Rücksicht auf kleinliches Ökogemecker über Verpackungsmüll zum Fest. Bergeweise Schachteln, Plastikschleifen und Folien. Im dritten Stock packen sieben Damen ein, was das Zeug hält. Im sechsten kostet’s dann was (4,50 Euro aufwärts) und wird exklusiver: die Frauen von der Packstation verarbeiten sogar Tannenbaumkugeln oder Luftballons. Auch für Firmen oder über Nacht. Was gerade Trend ist: Pomp oder Eleganz? „Alles, was der Kunde möchte.“ Hhm. Nicht vergessen: Wer auspacken will, muss eingewickelt haben. Gunda Bartels

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