Stadtleben : Die Kraft der kleinen Herzen

Die Kinder hatten keine Überlebenschance, Aorta und Lungenarterie waren vertauscht – doch in Berlin konnten sie gerettet werden

Udo Badelt

Ruslan hat die Augen geschlossen und atmet ruhig. Um ihn herum piepst und blubbert es, Monitore blicken auf ihn und die anderen Patienten herab, eine ganze Batterie von Pumpen dosiert die Medikamente, die in der Intensivstation des Deutschen Herzzentrums verabreicht werden.

Ruslan, der vor fünf Monaten in St. Petersburg geboren wurde, bekommt Sauerstoff durch einen Schlauch, der mit einem herzförmigen Pflaster auf seiner Wange befestigt ist. Neben seinem Kopf ruht eine kleine russische Ikone auf dem Kissen. Dass er Weihnachten erleben würde, war nicht selbstverständlich. Ruslan hatte einen angeborenen Herzfehler. Das kommt relativ häufig vor, ein Prozent aller Neugeborenen ist davon betroffen. Manche allerdings trifft es besonders schwer: Bei der so genannten Transposition sind die beiden wichtigsten Schlagadern, die Aorta und die Lungenarterie, vertauscht. Im Fall von Ruslan kamen noch eine Verengung und ein Loch im Bereich der Herzkammer hinzu. Ohne Operation hätte er keine Überlebenschance gehabt.

„Bisher hat man sich nicht so aggressiv an das Herz gewagt, wie wir das jetzt getan haben“, sagt Michael Hübler. Der 46-jährige Oberarzt ist seit 18 Jahren am Herzzentrum, doch in den vergangenen Tagen stand er vor einer der größten Herausforderungen seiner bisherigen Laufbahn. Er operierte Ruslan mit Hilfe einer neuen Methode, die erst vor zwei Jahren in Linz entwickelt und in Deutschland noch nie angewandt worden war. Bei der „En Bloc Rotation“ werden nicht mehr, wie bisher, nur die beiden großen Arterien in die richtige Position gebracht, sondern die gesamten Gefäßwurzeln vom Herz getrennt, um 180 Grad gedreht und wieder eingesetzt – und das bei einem Herzen, das kaum größer als vier Zentimeter ist. Fünf Stunden dauert die Operation. Der normale Blutstrom wird dabei wieder hergestellt, zusätzlich können Defekte wie die Verengung beseitigt werden. „Die bisher bekannten Ergebnisse der Methode sind exzellent“, sagt Hübler. Früher seien häufig Nachoperationen nötig gewesen, nach fünf Jahren hätte nur noch die Hälfte der jungen Patienten gelebt. Von den sieben Kindern dagegen, die in Linz und Berlin mit der neuen Methode operiert wurden, sind bis jetzt alle wohlauf. Es gibt neben diesen beiden Städten nur wenige andere Herzzentren auf der Welt, die in der Lage wären, so eine komplizierte Operation durchzuführen.

Ein paar Flure von der Intensivstation entfernt liegt Vadim, zehn Monate alt, aus Moskau. Er hatte die gleichen medizinischen Probleme wie Ruslan, auch ihn hat Michael Hübler kürzlich operiert. Vadims Mutter Julia Bortnik, 29, steht neben seinem Bett, streichelt seine Wange. Ein tiefes inneres Glück ist auf ihrem Gesicht abzulesen. Beide, Ruslan wie Vadim, kamen über eine der zahlreichen Stiftungen nach Berlin, die kranken russischen Kindern eine Operation in Deutschland ermöglichen. Laut Roland Hetzer, Direktor des Herzzentrums, gehört Berlin zu den wichtigsten Zielen für Russen, die sich im Ausland behandeln lassen wollen. Bis zu 5000 Operationen werden im Herzzentrum jährlich durchgeführt, 500 davon sind Kinder, 200 Patienten kommen aus Russland. Eine Operation wie die von Ruslan und Vadim kann 30 000 Euro kosten. Oft übernehmen die Stiftungen diese Summen, im Fall von Ruslan und Vadim allerdings sind sie privat bezahlt worden.

Auf der Intensivstation öffnet Ruslan überraschend die Augen und blinzelt in die Welt. Zu Beginn des neuen Jahres wird er wieder zu Hause sein. Weihnachten verpasst er deshalb nicht. Das wird in Russland erst am 6. Januar gefeiert.

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