Stadtleben : Die Kunst nah ans Wasser gebaut Neue Galerienhalle

am Hamburger Bahnhof

Annette Kögel

„Hier kann man noch was lesen: Tijuana!“ Isabel von Plate ist ganz dicht rangegangen an das Werk von Manfred Peckl. Das heißt „1 x Alles“ und besteht aus klein geschnittenen Landkartenschnipseln. Zu sehen ist die Collage seit Sonnabend in der Galerie „Andersens Contemporary“ im neu eröffneten Kunstzentrum „Halle am Wasser“ in Mitte. Gestern strömten die ersten Gäste in die umgebaute alte Lagerhalle hinter dem Hamburger Bahnhof, in der sich insgesamt sechs Galerien mit zeitgenössischer Kunst aneinanderreihen.

Bevor man jedoch zum Kunstbummel starten kann, muss man genauer auf die Landkarte schauen: Zur Halle am Wasser gelangt man (noch) nicht über den Hamburger Bahnhof, vielmehr suchen sich die Besucher ihren Weg links am Hamburger Bahnhof vorbei über den Parkplatz des mediterranen Großhandels „Mitte Meer“. Dann aber sieht man die grauen Stoffplanen an dem für 1,4 Millionen Euro vom Projektentwickler Vivico gestalteten Galerienkomplex. Als Erstes betritt man „BodhiBerlin“, bislang vertreten in Neu-Delhi und New York.

Isabel von Plate, Besucherin am Eröffnungstag, begeistert sich hier vor allem für die Installation „Faith Matters“ des indischen Künstlers Subodh Gupta: Das sind wie Hochhäuser aufgestapelte, metallen blitzende Essensbehälter, die sich auf Sushi-Transportbändern in entgegengesetzte Richtungen bewegen. „Das ist ein Symbol wachsender Städte, und beim Betrachten gerät man fast ins Schwanken – für mich ein ästhetischer Genuss mit fast politischem Anspruch“, sagt von Plate. Das Hintergrundwissen hat sie auch Galerist Kristian Jarmuschek zu verdanken, der heute ausnahmsweise durch das Galerien-Sextett führt: Isabel von Plate gehört zur Gruppe der Geburtstagsgäste von Kunsthistorikerin Alexandra Gräfin Stosch und ihrem Mann, dem Unternehmer Philipp Bouteiller. „Das bot sich an, die Feier hier mit einer Führung zu beginnen“, sagen die beiden, „wir haben so viele Gäste aus der Kunstszene auch aus New York und London, die hätten sich die Halle ohnehin angeschaut.“

Dass nun hinter dem Hamburger Bahnhof und rechts der Rieckhalle mit der Flick-Collection eine Galeristenhalle den Kunstcampus ergänzt, ist dem 36-jährigen Galeristen Jarmuschek zu verdanken. Er hatte vor drei Jahren bei einem Besuch der Rieckhalle zufällig „durch einen Spalt diese alte Halle gesehen“ und die Idee für das Projekt bekommen. Später lernte er zufällig bei einer Party jemanden von Vivico kennen und konnte seine Vision umsetzen. Nun zahlen alle Galeristen Miete an Hallenbesitzer Vivico, in zehn Jahren soll die Investitionssumme wieder eingeholt sein. Jarmuschek hofft auf Laufpublikum, erst recht, wenn die geplante Berliner Kunsthalle möglicherweise auch noch auf dem neuen Kunstcampus entstünde. Für die Kunsthalle ist aber auch der Blumengroßmarkt in Kreuzberg im Gespräch. Am Eröffnungstag der Halle am Wasser strömten die Leute auch zu den Filminstallationen bei Arndt & Partner im Dunkeln – und zum sonnenscheinerhellten Schriftzug „Lieber noch als meinen Augen trauen“ von Natalia Stachon bei „Loock“. Derweil gab der indische Künstler, Galeriebesucher und Wahlberliner Vaippipadath gleich mal eine Broschüre in eigener Sache bei „BodhiBerlin“ ab. Auch sich selbst zu vermarkten, ist eben eine Kunst. Annette Kögel

Halle am Wasser, Invalidenstrasse 50 – 51 in Mitte, Dienstag bis Samstag 11-18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben