Stadtleben : Die Majestät aus Pankow

Fünf Tage will der Hochstapler Otto Witte König von Albanien gewesen sein Jetzt hat ihm Andreas Izquierdo mit einem Roman ein Denkmal gesetzt

Hella Kaiser

Wer im Zirkus groß wird, lernt fürs Leben. Und Otto Witte, vermutlich im Oktober 1872 in Berlin-Pankow geboren, legte eine beispiellose Karriere hin. Zaubern konnte er, wahrsagen, Schwerter schlucken, flunkern, dass sich die Balken bogen. Fünf Tage lang, so behauptete er steif und fest, habe er als Majestät auf dem Thron von Albanien gesessen. So einem zollte sogar die Berliner Polizei Respekt und ließ in seinem Pass zumindest als „Künstlernamen“ den Zusatz zu: „ehemaliger König von Albanien“. Der schillernden Figur, Pankows Gegenstück zum Hauptmann von Köpenick, hat Andreas Izquierdo in einem Roman ein Denkmal gesetzt. Auf fast 400 Seiten wird das turbulente Treiben von „König Otto“ zu einer Farce mit tausend Facetten ausgebreitet.

Zu Beginn erleben wir Witte im März 1913 als Insassen einer „Heilanstalt für Gemütskranke“. Wenn er zu erzählen beginnt, hängen Patienten und Personal an seinen Lippen. Unglaubliches hören sie, aber kann das wahr sein? Izquierdo mixt historische Zusammenhänge mit Ottos abenteuerlichen Erinnerungen und fabuliert waghalsig entlang korrekter Fakten. Er führt uns nach Konstantinopel, wo Witte 1912 tatsächlich gelebt hat. Und ein bisschen wie im Roman könnte sein Alltag schon ausgesehen haben. Mit allerlei Hokuspokus kommt Otto mit seinem Freund Max über die Runden. Selbst wenn nicht ein einziger Piaster mehr in der Hosentasche steckt, bleibt Otto Optimist. Sein Lieblingssatz: „Mir fällt schon was ein.“ Auf seine abstrusen, aber wirkungsvollen Ideen ist Verlass. Die beiden Freunde schaffen es spielend, gratis im Grand Hotel zu logieren. Und selbstverständlich bekommt Otto ein Rendezvous mit der schönsten und begehrtesten Frau von Konstantinopel. Izquierdo porträtiert Otto Witte als pfiffigen Tausendsassa, dem man unmöglich böse sein kann.

Mit vielen Details schmückt der Autor jede Episode, da wäre ein bisschen weniger mehr gewesen. So dauert es bis zur Hälfte des Buches, bis der „König von Albanien“ auf den Plan treten kann. Izquierdo leuchtet die aberwitzige Majestätskomödie wortreich aus, bis der Held unbeschadet fliehen darf.

Otto Witte, das ist belegt, war nie König von Albanien. Na und? „Dem Sieger gehört alles. Auch die Wahrheit“, lässt Izquierdo seinen Helden sagen. Der Mann hatte eine einzigartige Begabung. Vererben konnte er es nicht. Zwar war auch sein Urenkel Norbert Witte ins Schaustellergeschäft eingestiegen, doch das Ganoventalent des Vorfahren hatte der 2004 wegen Drogenhandels verurteilte Spross nicht. Und mit seinen Eskapaden um den Spreepark hinterließ er Schulden in zweistelliger Millionenhöhe. Der Titel „König von Albanien“ dagegen war gratis. Grund genug, um sich vor dem harmlos-liebenswerten Hochstapler Otto zu verneigen.











— Andreas Izquierdo:
Der König von Albanien. Roman. Rotbuch Verlag, Berlin. 397 Seiten, 19,90 Euro

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