Stadtleben : Die schwarze Mamba

Sandra Naujoks hat einen exotischen Spitznamen und gewann als erste Frau die Europameisterschaft im Pokern

Eva Kalwa

Ihr Spitzname lautet „Black Mamba“, und tatsächlich erscheint Sandra Naujoks zum Interview in einem Café in Prenzlauer Berg ganz in Schwarz gekleidet. Auch die langen schwarzen Haare trägt die erste Europameisterin im Poker an diesem Morgen offen. Zum Frühstück bestellt sich die 27-Jährige erst mal Orangensaft und Obstsalat. Sie wirkt sehr selbstbewusst, zugleich aber auch etwas erschöpft. Vielleicht, weil Sandra Naujoks sich zurzeit vor Interviewanfragen kaum retten kann. Und nicht erst, seit sie vor einer Woche in Dortmund das EPT-Turnier, eine Art Champions League des Poker, gegen knapp 670 Teilnehmer für sich entscheiden und über 900 000 Euro Preisgeld mit nach Hause nehmen konnte: Denn als sie im vergangenen Herbst in Baden als erste Frau die Europameisterschaft gewann, machte sie das schlagartig auch außerhalb der Pokerwelt bekannt.

Ihr bisher größter Triumph krönt eine steile Karriere, die vor knapp vier Jahren in Berlin begonnen hat. Damals war Sandra Naujoks neu in der Stadt und arbeitete als freiberufliche Grafikerin. Da die gebürtige Dessauerin noch nicht viele Menschen in Berlin kannte, begann sie, in ihrer Freizeit im Internet Poker zu spielen. Ein Zufallsklick hatte sie auf eine der vielen Anbieterseiten geführt. Zwei Jahre spielte sie nur online, las sich durch die Fachliteratur und studierte unzählige Videos, um sich Strategien und Techniken anzueignen. 2007 begann sie, in kleineren Pokerrunden live zu spielen, und schaffte bald den Sprung in höher dotierte Turniere. „Gerade zu Beginn ist es wichtig, die Risiken zu minimieren und besonnen zu bleiben“, weiß Sandra Naujoks. Eine Frau zu sein könne bei diesem Spiel, bei dem es sehr auf Image und Psychologie ankommt und der Männeranteil bei rund 95 Prozent liegt, durchaus von Vorteil sein: „Als Frau bist du nach wie vor eine Exotin. Das kann man für sich nutzen.“ Vorausgesetzt, man bringe ein sehr dickes Fell und gute theoretische Grundlagen mit. Gerüchte und starkes Konkurrenzverhalten gehören zu dieser Männerdomäne genauso wie zweideutige Angebote, besonders, wenn es sich bei der Gegnerin um eine attraktive junge und erfolgreiche Frau handelt, die zurzeit Single ist.

Mittlerweile ist Sandra Naujoks gut 300 Tage im Jahr unterwegs, jettet von Melbourne über Monaco nach London und dann weiter in die Spielcasinos nach San Remo, Monte Carlo und Venedig. Ihre bedeutendste Station in diesem Jahr wird im Sommer die Weltmeisterschaft in Las Vegas sein. Die nächsten zwei Jahre will sie dieses anstrengende Leben noch weiterführen und sich dann irgendwo auf der Welt ein schönes Plätzchen suchen, um sich niederzulassen. Wenn sie zwischen den Turnieren doch mal ein paar freie Tage in Berlin genießt, geht sie gern in die Oper, „Tosca“ von Puccini ist ihr Lieblingswerk. Und sie kümmert sich dann in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg um ihr Haustier, eine Schlange: „Sie übersteht die Zeit allein sehr gut, braucht aber alle paar Wochen etwas zu fressen“, erzählt Naujoks, die durch ihre Vorliebe für diese Tiere und die Farbe Schwarz zu ihrem Spitznamen „Black Mamba“ kam.

Doch Sandra Naujoks fliegt nicht nur für Turniere um die ganze Welt. Vor kurzem war sie drei Wochen in Thailand, eine Privatreise mit offiziellem Anliegen, denn in Kambodscha unterstützt sie den Aufbau einer Schule für Waisenkinder. Das Geld für solche Hilfsprojekte sammelt sie, indem sie Wohltätigkeits-Turniere organisiert oder professionellen Poker-Unterricht bei ihr, der Europameisterin, versteigert.

Ihr ist es wichtig, dass die Bedeutung von Strategie für das Spiel anerkannt wird: Poker sei ein Geschicklichkeits- und kein Glücksspiel. Das sieht der deutsche Gesetzgeber anders und erlaubt das Spielen um Geld nur in Casinos. In Sandra Naujoks Augen ist das obsolet: „Durch solche Einschränkungen wird der Poker-Boom künstlich aufgehalten.“

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