Stadtleben : „Die Stadt ist berlinischer geworden“

Als Lou Reed 1973 sein „Berlin“-Album veröffentlichte, diente ihm die Stadt als eine Metapher Kennen gelernt hat er sie erst später. Jetzt bringt er das Werk erstmals auf die Bühne

Vor 34 Jahren veröffentlichte der Rockstar Lou Reed sein Album „Berlin“. Damals reagierten Kritik und Öffentlichkeit geschockt auf das düstere Werk des New Yorkers, in dem es um gewalttätige Beziehungen, Drogenabhängigkeit und Prostitution geht. Heute gilt es als Klassiker. Jetzt bringt Reed die „Berlin“-Songs erstmals live auf die Bühne. Am 26. Juni tritt er mit Orchester, Band und Chor im Tempodrom auf (20 Uhr, Karten an den üblichen Vorverkaufsstellen). Lars von Törne sprach mit Reed über die Stadt, die ihn inspirierte.

Mister Reed, sagt Ihnen die Adresse Hauptstraße 155 etwas?

Mmh, ich habe leider ein schlechtes Gedächtnis für Adressen und solche Dinge.

Dort ist die Wohnung, in der Sie in den späten siebziger Jahren mal mit David Bowie und Iggy Pop gelebt haben sollen.

Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.

Weil es so lange her ist?

Nein, sondern weil ich nie da war.

In mehreren Erinnerungen an jene Zeit heißt es, Sie hätten dort häufiger mal vorbeigeschaut.

Das ist eine dieser Geschichten, für die gilt, was meine Mutter immer gesagt hat: Glaub nur die Hälfte von dem, was du liest.

Sie veröffentlichten 1973 Ihr heute als Klassiker gepriesenes Album „Berlin“. Was war Ihr Bild von unserer Stadt, als Sie die Songs schrieben?

Ich kannte die Stadt damals noch nicht von persönlichen Besuchen. Das kam erst später. Mein Berlin-Bild war deswegen hauptsächlich geprägt von Filmen und Büchern. Ich dachte an Christopher Isherwood, der in seinen Romanen die 1920er Jahre beschrieben hat, an den Schauspieler Peter Lorre, den Regisseur und Schauspieler Erich von Stroheim oder an Marlene Dietrich. Auch Filme wie Nosferatu und Stücke wie die Dreigroschenoper hatten mein damaliges Bild von Deutschland und Berlin geprägt.

Die Berliner Mauer scheint ebenfalls ein zentraler Bestandteil Ihres Bildes gewesen zu sein. Sie benutzen sie in Ihren Songs als Metapher für die Trennung der Geschlechter, für Gefühlskälte, Depression …

… ziemlich offensichtliches Symbol, nicht wahr? Mir schien es das passende Bild zu sein, um über innerlich zerrissene Menschen zu sprechen, die in getrennten Welten leben. Berlin stand für mich damals als Metapher für Eifersucht, für Zorn und Sprachlosigkeit.

Wie viel Ihrer eigenen Biografie steckt in dem Album?

Sehr viel. Waren Sie schon mal eifersüchtig?

Durchaus.

Na, sehen Sie. Meine Songs drücken Gefühle aus, die jeder schon mal erlebt hat.

Es scheint, als war Berlin für Sie lange Zeit mehr ein Konzept als eine wirkliche Stadt. Wie empfanden Sie die Begegnung mit der realen Stadt, nachdem Sie ihr ein Album gewidmet hatten?

Ich bin seit Jahrzehnten immer wieder hier, meist aber nur für einzelne Konzerte. Am meisten beeindruckt hat mich Berlin nach dem Mauerfall. 1993 war ich für einen Monat in der Stadt und spielte in Wim Wenders’ Film „In weiter Ferne so nah“ mit. Seitdem sind wir gute Freunde, und ich schaue öfter bei ihm vorbei. Dann sitzen wir in seiner Dachgeschosswohnung und blicken über die Stadt. Ich bin dann immer erstaunt, wie radikal sich Berlin seit dem Fall der Mauer gewandelt hat. Ich habe das Gefühl, dass Berlin berlinerischer geworden ist.

Wie meinen Sie das?

Die Stadt ist größer, weltstädtischer, vereinter – und die Leute scheinen glücklicher zu sein.

Wie kommt es, dass Sie Ihr „Berlin“-Album, dessen Lieder Sie früher nie live gespielt haben, jetzt nach 34 Jahren erstmals auf die Bühne bringen?

Die Initiative kam von der Leiterin eines Kulturfestivals in New York. Die hat seit Jahren immer wieder gefragt, ob ich nicht „Berlin“ auf die Bühne bringen kann, weil sie das Album so liebt. Mein Freund Julian Schnabel, der Maler und Regisseur, kam dazu und sagte: Da mache ich mit, das will ich filmen. Eines Tages sagte ich dann: Okay, wir machen’s.

Klingt so, als mussten Sie gedrängt werden. Immerhin ist „Berlin“ ein Album, von dem Sie sich in Ihrer Karriere lange Zeit distanziert hatten.

Glauben Sie ernsthaft, ich ließe mich zu etwas drängen?

Nun, in den 70er Jahren schockierte Ihr Album die Öffentlichkeit. Ein Kritiker bezeichnete es als das deprimierendste Album der Geschichte, auch beim Publikum kam es anfangs nicht gut an. Sie selbst sollen über dieses Scheitern so enttäuscht gewesen sein, dass Sie die Songs lange nicht anrührten.

Es stimmt, dass die Kritiken sehr schlecht waren. Aber ich nehme Kritiker schon lange nicht mehr ernst. Mir gefielen die Songs immer, und das tun sie auch heute noch.

Wie weit haben Sie die Stücke aus den Siebzigern geändert, um sie jetzt live auf die Bühne zu bringen?

Kaum. Es wird ein bisschen rockiger, lebendiger. Es gibt einen Chor, Hintergrundsänger, Bläser und Streicher, eine Band. Und vor allem meine Gitarre. Es wird mehr rocken als das Album.

Ihn letzter Zeit haben Sie viel Musik gemacht, die mit dem Rock der frühen Jahre nicht mehr viel zu tun hat. Ihr vor drei Jahren erschienenes Album „Raven“ hatte mehr etwas von einer theatralischen Inszenierung …

… ja, und ich habe vor kurzem eine CD mit Meditationsmusik aufgenommen, die gerade erschienen ist, „Hudson River Wind Meditations“. Aber ich bin immer noch ein großer Rockfan. Es ist die größte Musik der Welt, und ich kehre immer wieder zu ihren Wurzeln zurück.

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