Stadtleben : Die Tochterfirma

Die Urbschats schreiben seit 50 Jahren Fotogeschichte – heute wird aus mehreren Gründen gefeiert

Christian van Lessen

„Urbschat“ steht in markantem Schriftzug über dem Geschäft am Kurfürstendamm 170. Sonst nichts. Wer hineinschaut ins mediterrane Licht, glaubt, in ein Hotelfoyer zu sehen, ein elegantes Wohnzimmer, eine Galerie. Der Name muss sich nicht erklären. Er ist Fotogeschichte. Berliner Tradition, seit 50 Jahren, als Horst Urbschat, der Pressefotograf, sein erstes Fotostudio eröffnete.

Heute feiert er gleich mehrfach Jubiläum. Zu feiern sind auch 40 Jahre Geschäftslage am Kurfürstendamm, 55 Ehejahre mit Frau Hannelore – und 80 Jahre Horst Urbschat selbst. Das alles passt nicht punktgenau zusammen, deshalb feiert er den Geburtstag ein wenig nach.

„Ich bin bescheiden“, sagt er, „aber mit Bescheidenheit kommt man nicht weit“. Das Geschäft, das bis heute weit gekommen ist, hat er längst den Töchtern Nicole und Daniela überlassen.

Der gebürtige Kreuzberger sollte nach dem Wunsch der Mutter Pfarrer werden. Er findet Kameramann besser, will Filmstars nahe sein. Kurz nach Kriegsende lernt er in einem Porträtstudio mit angeschlossener Presseagentur. Er wird Pressefotograf, arbeitet für die einstige Frauenzeitschrift „Constanze“, den Stern, die frühere Tageszeitung „Der Abend“. Aber die aktuelle Hektik liegt ihm nicht. Es reizt ihn das eigene Porträtstudio, das er an der Mommsenstraße eröffnet. Zehn Jahre später zieht er an den Kurfürstendamm. Urbschat hat den richtigen Blick, das spricht sich herum. Als Tochter Daniela 1970 Deutsche Meisterin im Kunstturnen wird – da spätestens ist der Name stadtbekannt. „Meine bescheidene Art hat sich bei meinen Kindern nicht durchgesetzt“, sagt er. Qualität und große Klappe gehörten aber zusammen, sagt Nicole, kein Studio habe so viele Fotopreise erhalten wie dieser letzte Traditionsbetrieb am Kurfürstendamm. „Hier wird der unfotogenste Knochen weichgeklopft“ , sagt sie. Gut 200 000 Köpfe haben Urbschats abgelichtet, darunter Promis wie Bill Clinton, Bob Kennedy jr. oder Mario Adorf. Letztes Jahr war auch ein weltbekannter US-Filmstar zu Gast, der durch den Hintereingang kam und strenge Diskretion verlangte. „Wir sind Psychologen“, sagen die Urbschats. Viele Frauen kommen, um sich hier vor einer Brustamputation fotografieren zu lassen. Das erfordert Fingerspitzengefühl, Vertraulichkeit. Die Spielerfrauen einer prominenten Fußballbundesligamannschaft – nicht Hertha BSC – ließen sich kürzlich nackt fotografieren.

Die Enkelinnen Natalie, Nadine und Yvonne sind mit im Geschäft, das 25 Angestellte hat, eine Foto-Akademie und eine „ Make-up-Artist-School“ unterhält.

Die Frauen haben alles im Griff. Horst Urbschat findet Zeit, zu den Wurzeln zurückzukehren. Mit Enkel Dirk ist er die Stationen seines Fotoreportagenbuchs „Berlin im Jahre Null“ nachgegangen, hat sie wieder fotografiert. Die Werke sollen im Herbst in der Gedächtniskirche ausgestellt werden.Christian van Lessen

0 Kommentare

Neuester Kommentar