Stadtleben : Diesmal ohne Kuchen

TEILZEITBERLINER Viele Festspielstars haben bereits in der Stadt gedreht Auch die aktuellen Gäste John Goodman und Jeff Goldblum arbeiteten hier

Andreas Conrad

Eine der beliebtesten Fragen hiesiger Journalisten an internationale Berlinale-Stars war über Jahrzehnte die nach dem ersten Eindruck von der Stadt. Als Antwort kam entweder gar nichts („Habe außer Hotel und Kino kaum was gesehen“) oder nettgemeinte Unverbindlichkeiten („Finde ich toll“). Dieses eingespielte Ritual wird zunehmend unmöglich oder muss zumindest revidiert werden. Man hat jetzt eher danach zu fragen, ob die Stars hier schon eine Wohnung haben oder planen, sich hier längere Zeit niederzulassen. Der erste Eindruck dagegen liegt schon zu lange zurück, ja, mehr und mehr Gäste waren schon x-mal hier und haben sogar oft schon in Berlin und Umgebung gedreht.

Das gilt auch für die beiden Herren aus Hollywood, die am Sonnabend das Gesicht der Festspiele prägten, John Goodman und Jeff Goldblum. Der erstere, physisch gewichtigere, arbeitete erst vor anderthalb Jahren hier. Für „Speed Racer“ mimte er das Oberhaupt einer Rennfahrerfamilie, auf der Leinwand ehelich verbunden mit Susan Sarandon, von der das Drehbuch verlangte, zum ersten Mal in ihrer Laufbahn vor laufender Kamera einen Kuchen zu backen. Nur die Aussicht, diesen auch aufessen zu dürfen, habe ihn nach Berlin gelockt, so verkündete Goodman zum Drehstart im Studio Babelsberg, aber das muss man wohl nicht glauben. Denn auf der Premierengala in Berlin hat Susan Sarandon garantiert keinen Kuchen gebacken, trotzdem war er da.

Auch Regisseur Bertrand Tavernier hat dem massigen Goodman bestimmt keinen selbstgebackenen Kuchen versprochen, gleichwohl war der Schauspieler mit nach Berlin gekommen, um hier am Abend den gemeinsamen Film „In the Electric Mist“ vorzustellen, erst gegen 18 Uhr bei einer Pressekonferenz im Grand Hyatt, dann gut vier Stunden später auf dem roten Teppich. Ein schon wegen des Handlungsortes – die Sümpfe von Louisiana – für Tavernier ungewöhnlicher Stoff, mit Goodman als Mafia-Boss Julie „Baby Feet“ Balboni. Mit dem von Tommy Lee Jones gespielten Detective Dave Robicheaux, der eine Serie von brutalen Frauenmorden aufzuklären versucht, verbindet ihn eine gemeinsame Baseball-Vergangenheit an der High School.

Auch Jeff Goldblum hat schon in Berlin gearbeitet, 2006 in dem Film „Fay Grim“. 29 Drehtage war das Team in der Stadt, die meisten hier entstandenen Szenen spielten aber in anderen Städten. Präsentiert wurde der Film während der Berlinale vor zwei Jahren. Diesmal stellt er – wie schon bei einem Berlin-Besuch Anfang Januar – „Ein Leben für ein Leben – Adam Resurrected“ vor, einen Film mit Berliner Hintergrund, unter der Regie von Paul Schrader. Goldblum spielt Adam Stein, den Patienten eines israelischen Wüstensanatoriums für traumatisierte Holocaust-Opfer. In den Zwanzigern war er als Magier Star des Berliner Varietés, hatte mit seiner Kunst einen suizidgefährdeten Zuschauer von seinem Plan abgebracht und diesen im KZ wiedergetroffen – als SS-Mann, der ihn zwang, sich wie ein Hund zu verhalten.

Der Film wurde in Israel und Rumänien gedreht, vorbereitet hat sich Goldblum auch in Berlin. Einen Monat lang sah er sich hier um, besuchte Varietés und Gedenkstätten, sprach auch mit Holocaust-Überlebenden, wie er in einem dpa-Gespräch erzählte. Ob es Holocaust-Opfer in seiner eigenen Familie gegeben habe, wollte die Reporterin wissen: „Nicht dass ich wüsste, ich kenne meinen Familienstammbaum nicht gut.“ Und wie wichtig sei die jüdische Religion in seinem Alltag? „Ich praktiziere sie nicht so viel. Es ist die jüdische Erfahrung, besonders nach diesem Film, der sie noch vertieft und gestärkt hat, auch meine Gefühle für Juden und alle, die da durchgegangen sind. Ich übe keine traditionellen Praktiken aus. Aber da ich kulturell so erzogen und auch etwas religiös geschult wurde, vielleicht kamen dann noch andere Dinge hinzu ... Ich habe jedenfalls eine Art Appetit auf das ,richtige Leben’, was ja zum jüdischen Credo gehört, auf ethisches Leben, Bürgersinn und spirituellen Gehalt ... Das hat mich offen gesagt auch auf die Schauspielerei gebracht, die etwas mit diesem Appetit zu tun hat.“

Die Rezension zu „In the Electric Mist finden Sie auf Seite 25

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