DJ Westbam : Ein letztes Mal zur Loveparade

Mit Techno ist noch lange nicht Schluss. Aber der Umzug muss künftig ohne DJ Westbam auskommen.

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Mottoparty. Lang ist’s her, dass es die Loveparade über die Straße des 17. Juni zog und hunderttausende Techno-Fans verzückt zu elektronischer Musik tanzten. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Mottoparty. Lang ist’s her, dass es die Loveparade über die Straße des 17. Juni zog und hunderttausende Techno-Fans verzückt zu...

Seinen Abschied hat er gut vorbereitet. Sogar ein eigenes Lied hat Westbam geschrieben, am nächsten Sonnabend spielt er es auf der Loveparade in Duisburg: „Don’t look back in anger“, blick nicht im Zorn zurück. Ein letztes Mal wird er auf einem der Trucks stehen, ein Feuerwerk seiner alten Hits abbrennen und sich von der Menschenmenge bejubeln lassen. Danach soll Schluss sein mit der Loveparade, endgültig.

Westbam und die Parade, das ist die Geschichte einer großen Liebe, und diese Geschichte gibt es seit Freitag auch auf CD. „A Love Story“ heißt das Werk, es besteht aus drei Teilen und enthält neben den großen Hymnen, die der DJ seit 1997 für den Technoumzug produziert hat, auch neues Material, insgesamt fast dreieinhalb Stunden Musik. Die Platte klingt, als habe Westbam seiner gescheiterten Liebe einen langen Abschiedsbrief geschrieben.

Er will mit der Platte auf das Gute zurückblicken, sagt der 45-Jährige. Auf die Hits. Auf die Gänsehautmomente. Auf das, was die Parade geleistet hat. Warum er ausgerechnet jetzt seinen Abschied verkündet, kann Westbam selbst nicht so genau erklären. „Ich treffe meine Entscheidungen, ohne sie bis ins Detail begründen zu können“, sagt er. Aber so ist das oft bei gescheiterten Beziehungen: Die Entfremdung ist ein langer, schleichender Prozess. Wer die Anzeichen nicht früh genug erkennt oder sie ignoriert, der steuert unwiderruflich auf den Abgrund zu. Mit der Loveparade geht für Westbam nun ein Lebensabschnitt zu Ende. Insgesamt 21 Jahre hat er sie begleitet. So lange wie sonst keiner, sagt Westbam. Er war dabei, als sie 1989 zum ersten Mal am Ku’damm stattfand, und er war auch dabei, als sie zur Jahrtausendwende auf der Straße des 17. Juni ihren Höhepunkt mit fast 1,5 Millionen Besuchern feierte. Selbst als sie vor drei Jahren ins Ruhrgebiet zog, hielt er ihr die Treue. Doch in der zurückliegenden Zeit hat er sich immer öfter die Frage gestellt: Bringt das noch was? Irgendwann fiel die Antwort eindeutig aus: Ja, aber nicht mehr für mich. Vom früheren Team ist niemand mehr dabei, nicht mal mehr Erfinder Dr. Motte. Und dass die Parade Berlin verlassen hat, „ist okay, befremdet mich aber dennoch“. Ihm ist klar geworden, dass er nicht als Loveparade-Dino im Guinness-Buch der Rekorde landen will, sagt Westbam.

Möglich wäre das, denn gefragt ist der DJ nach wie vor. Erst neulich hat er beim Summer Rave auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof aufgelegt, mit seiner Kollegin Marusha. Mehr als 10 000 Besucher kamen, es hätten locker doppelt so viele sein können. Doch weil das Sicherheitspersonal nicht kurzfristig aufgestockt werden konnte, durften nicht mehr reingelassen werden. Er war selbst überrascht, sagt Westbam: „Das zeigt, welche Lücke die Parade hinterlassen hat und dass es noch immer ein großes Bedürfnis nach einer solchen Veranstaltung in Berlin gibt.“ Die Energie, die er auf dem Summer Rave erlebt hat, habe er zuletzt in den Neunzigern gespürt.

Westbams letzte Platte liegt fünf Jahre zurück. In der Zwischenzeit ist viel passiert, im Bereich der elektronischen Musik ist die Stilrichtung Minimal derzeit tonangebend, ein spartanischer, reduzierter Sound, mit dem Westbam nichts anfangen kann. Seinen eigenen Stil nennt er Techno-Rokoko. Seine Stücke sind vollgepackt mit Samples, oft singen Frauen einen Refrain und manchmal hört man sogar ein Klavier. „Ich glaube, die Leute begreifen langsam, dass weniger nicht mehr ist, sondern tatsächlich weniger.“ Es klingt, als hoffe er auf eine Renaissance der alten Zeiten.

Seine zwei Kinder konnte er bislang nicht für Techno begeistern, die hören lieber Udo Jürgens. „Vielen Dank für die Blumen“, „Aber bitte mit Sahne“, da lachen die sich kaputt, sagt Westbam. Er selbst könnte darauf verzichten, die Stücke 20 Mal am Tag zu hören. Aber so ist das, wenn man Kinder hat: Man lernt, die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken. Gerade hat der ältere Sohn Ferien, die verbringt die Familie auf Mallorca. Die Party zu Dr. Mottes 50. Geburtstag musste Westbam deshalb ausfallen lassen.

Im kommenden Jahr feiert Westbam 30-jähriges Bühnenjubiläum. Einen seiner ersten Auftritte hatte er bei einem Festival im Tempodrom. Kurz zuvor war Maximilian Lenz, wie der DJ mit bürgerlichem Namen heißt, aus Münster nach Berlin gezogen. Kurz darauf lernte er Dr. Motte kennen. Die beiden leben heute nur wenige hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt, in Prenzlauer Berg.

Man merkt, dass man alt ist, wenn man auf einem Rave gesiezt wird, hat ein Freund vor einiger Zeit zu Westbam gesagt. Mittlerweile ist ihm das tatsächlich ein paar Mal passiert. Aber für ihn ist das noch lange kein Grund, ganz aufzuhören.

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