DMY : So sitzt man in Friedrichshain

Locker vom Hocker: Junge Friedrichshainer haben das Sitzen neu erfunden: Beim DMY-Design-Festival zeigen sie ein sportives Möbelstück.

Kolja Reichert
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Platz da. Die „Salzig“-Jungdesigner treiben es bunt mit ihrem Sporthocker, auf dem man nicht nur sitzen, sondern auch balancieren...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Stuhl ist wohl die elementarste Aufgabe für einen Designer. Er darf nicht nur gut aussehen, sondern muss den knallharten Gesetzen der Ergonomie gehorchen. Außer man macht es wie die Brüder Stephan und Michael Landschutz und baut ein Sitzmöbel, das gleich eine ganz neue Sportart begründet: das „Hockern“.

Der „Sporthocker“ ist der Eyecatcher in der „Youngsters“-Ausstellung des diesjährigen Berliner Design-Festivals DMY, auf dem der internationale Gestalter- Nachwuchs seine neuesten Ideen zeigt. Vor allem ist der Stand der Brüder mit ihrem Büro „Salzig“ mit Abstand der lauteste. Durch die ganze Halle der Treptower Arena dröhnt es, wenn Stephan Landschutz seine Erfindung vorführt. Der 28-Jährige greift den Plastikhocker, lässt ihn langsam um sich kreisen, von Hand zu Hand, schleudert ihn in die Luft, zieht ihn mit mehrfachen Drehungen herunter und hockt plötzlich auf ihm. Peng. Er balanciert ihn auf dem Fuß hinter sich herum, zieht ihn hoch und runter, hockt drauf. Peng. Er springt auf, landet mit den Füßen auf Kante und Mittelteil, balanciert einen Moment, halb in der Luft, wie mit dem Skateboard. Er läuft ein paar Schritte auf dem rollenden Hocker, springt ab, zieht ihn hoch, hockt sich drauf. Peng. Das Teil ist Skateboard, Jonglierkeule und Sitzmöbel in einem.

Es gibt ernsthaftere Arbeiten zu sehen beim Festival, wegweisendere und viele mit mehr Weltverbesserungspotenzial. Vor allem gibt es ganz viele elegante Möbel. Aber der Sporthocker ist eins dieser Dinge, die keine großen Erklärungen brauchen. Mit 99 Euro ist er sogar einigermaßen erschwinglich. Wenn die Brüder bei Skater-Events mit den Hockern aufkreuzen, versammeln sich sofort Kinder wie Eltern und fangen an zu hockern. „Auch Unsportliche haben keine Berührungsängste“, erzählt Stephan. Einen Trick kann schließlich jeder: das Sitzen.

Die Brüder, selbst begeisterte Skater und Surfer, haben zusammen in Kiel Design studiert, Stephan schrieb seine Diplomarbeit über den Hocker. Vor ein paar Wochen eröffneten die beiden mit Michaels Freundin Susanne Wilke ihr neues Ladenbüro in Friedrichshain. Immer mehr Läden nehmen den Sporthocker ins Sortiment auf, der Entwurf wurde mehrfach ausgezeichnet. Auf Youtube führen Hockerer ihre Tricks vor. Stephan ist selbst zweimaliger Weltmeister in der noch recht überschaubaren Szene.

Inzwischen mussten die beiden allerdings erfahren, dass sie nicht die Ersten waren, die den Hocker als Tanzpartner entdeckten: Eine Dame erzählte ihnen, sie habe in der DDR in einem Hocker-Ballett getanzt. Gute Ideen kommen selten aus dem Nichts.

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