Doku: "24h Berlin" : Die Stadt ist der Held

Seit 6 Uhr früh läuft das Fernsehereignis "24h Berlin". Die Protagonisten: Klaus Wowereit, ein obdachloser Junkie, ein ukrainisches Ehepaar aus Marzahn und viele andere Berliner.

Eva Kalwa
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Am Set. Als das Filmteam von Regisseur Andres Veiel (links) vor genau einem Jahr in der Stadt unterwegs war, stand die Abrissruine...Foto: Amin Akhtar

Beim Blick auf die Homepage www.24hberlin.tv überkommt einen fast so etwas wie Silvesterstimmung: „Noch 1 Tag“ zeigt der animierte Abreißkalender heute an. Dann folgt ein kurzer Filmclip als Appetithappen auf das umfangreichste Fernsehereignis, das Berlin je erlebt hat: Für „24h Berlin“ waren 80 Drehteams genau heute vor einem Jahr, am ersten Freitag im September 2008, von sechs Uhr morgens an 24 Stunden lang in der Stadt unterwegs und haben dabei rund 750 Stunden Filmmaterial über Berlin und seine Bewohner gesammelt.

Am morgigen Sonnabend wird das Mammutprojekt auf RBB, ARTE, im Internet und an rund dreißig Public-Viewing-Plätzen in der Stadt ausgestrahlt. „Ereignisfernsehen“ nennt Thomas Kufus das neue Format, in das der Produzent zusammen mit dem künstlerischen Leiter Volker Heise, Dokumentarfilmer und Teilhaber bei Kufus Produktionsfirma ZeroFilm, über zwei Jahre Arbeit investiert hat und an dem rund 400 Menschen mitgearbeitet haben. Unter ihnen auch bekannte Regisseure wie Volker Koepp und Rosa von Praunheim.

Im Kino hätten die 24 Stunden am Stück so nicht gezeigt werden können – zumindest nicht, wenn man sie möglichst vielen Zuschauern zugleich zugänglich machen möchte. Auch denen, die vielleicht nur morgens kurz einschalten, dann zum Einkaufen oder in den Park gehen und im Laufe des Tages immer mal wieder kurz reinzappen wollen. Damit dabei die Orientierung nicht verloren geht, gibt es alle 30 Minuten visuelle Informationen über Ort und Zeit der aktuellen Sequenz und auch der Sprecher aus dem Off erläutert häufig, welche Protagonisten gerade bei welchen Tagesabläufen begleitet werden. Dazwischen werden immer wieder Schnipsel aus eingesandten Videos und Straßentalks gestreut. Dass es sich bei dem ausgewählten Drehtag um einen Freitag handelt, ist kein Zufall: „Der Tag beginnt als Arbeitstag und endet mit dem Eintritt ins Wochenende“, sagt Kufus. So sei auch das Berliner Nachtleben angemessen vertreten – unter anderem im Tresor und im Berghain, wo zuvor noch niemand eine Drehgenehmigung erhalten hat.

Zu den zahlreichen Protagonisten gehören auch Prominente wie der Regierende Klaus Wowereit, der unter anderem bei einem Treffen mit Angela Merkel in einer Kreuzberger Bildungseinrichtung begleitet wird, sowie Dirigent Daniel Barenboim, der Einblicke in seine Proben mit Rolando Villázon gewährt. Die Mehrzahl der Protagonisten ist allerdings nicht berühmt und setzt sich aus allen Alters- und Bildungsschichten und vielen Nationen zusammen: Da gibt es ein ukrainisches Rentnerpaar aus einem Marzahner Plattenbau, einen 29-jährigen westafrikanischen Musiker aus Charlottenburg, einen 27-jährigen obdachlosen Junkie … Vorgeführt werden soll niemand: „Wir zeigen nicht, wie das Leben sein sollte oder wir es gerne gehabt hätten, sondern wie wir es am 5. September 2008 in Berlin vorgefunden haben“, sagt Heise.

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