Drachenfest : Windiges Vergnügen

Am Sonntag wird im Britzer Garten das traditionelle Drachenfest gefeiert, mit Fluggerät jeglicher Art. Anders als in den USA, wo man damit den Frühling begrüßt, ist das hierzulande ein reines Herbsthobby.

Rita Nikolow
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Woher der Wind weht. Drachenfeste, ob mit fernöstlichen und heimischen Flugmodellen, haben im Britzer Garten Tradition. Foto: ddpddp

Der tragischste unter allen Menschen, die je versucht haben, einen Drachen steigen zu lassen, ist zweifellos Charlie Brown. Zuversichtlich rennt er los und hat sich doch bald schon so hoffnungslos in die Drachenschnur verwickelt, dass eigentlich nur noch eine Schere hilft. So schlimm wird es an diesem Sonntag wohl nicht kommen, wenn im Britzer Garten wieder mal das traditionelle Luft-, Flug- und Drachenfest gefeiert wird. Dort sind überwiegend Könner am Werk.

Ein schönes Bild, doch hierzulande eigentlich nur in diesen Wochen zu haben: Hoch in der Luft hängt ein buntes Viereck, unten steht ein Mensch, der aufpasst, dass die fragile Konstruktion nicht zu Boden schmettert – Drachen steigen zu lassen ist in Deutschland ein typisches Herbsthobby. In Berlin und Umgebung gibt es dafür viele beliebte Orte, darunter eben den Britzer Garten. Von 11 bis 17 Uhr können die Besucher dort ihre lächelnden Flugdrachen steigen lassen – oder den Kämpfen zuschauen, die gelenkte Rokkaku-Drachen in der Luft gegeneinander austragen. Außerdem gibt es Seminare, in denen man sich einen eigenen flugfähigen Drachen zusammenbauen kann. Und einige Gelegenheiten, auch selbst in die Luft zu gehen – oder sich zumindest so zu fühlen: Zum Beispiel auf dem Riesentrampolin oder im Schwerelosigkeitstrainer, in dem man in einem Gestell aus mehreren Reifen festgeschnallt wird und darin vertikal oder horizontal herumkreisen kann.

Organisiert wird das Fest auf dem ehemaligen Bundesgartenschau-Gelände vom Drachenclub Berlin – und von Michael Steltzer. Der sorgt mit seinem Drachenladen „Flying Colors“ in der Eisenacher Straße in Schöneberg für Nachschub am Himmel. „Einen einfachen Drachen bekommt man schon ab fünf Euro“, sagt der 61-Jährige. Steltzer ist US-Amerikaner, und in seinem Geburtsland haben die Flugdrachen nicht im Herbst Hochsaison, sondern im Frühling und Frühsommer. „Dort verbinden die Leute das Drachensteigenlassen mit der Lust, wieder nach draußen zu gehen“, sagt er. Und eigentlich gebe es auch in Deutschland die besten Winde im Frühjahr – das habe eine Studie der FU Berlin nachgewiesen. Aber egal, zu welcher Jahreszeit man den Drachen im Wind flattern lässt – für Steltzer ist dieses Hobby durchaus politisch.

Deshalb hat er vor vielen Jahren die Organisation „One Sky, One World“ mitgegründet, die jeden zweiten Sonntag im Oktober dazu nutzt, durch das Drachenfliegen an hunderten Orten weltweit darauf aufmerksam zu machen, dass der Himmel weder nationale noch kulturelle Grenzen kennt. „Der Britzer Garten ist für unser Fest ein stimmungsvoller Ort“, sagt Steltzer.

Das dortige Fest ist nicht das einzige. Eines in Potsdam hat bereits stattgefunden. Und im brandenburgischen Schwante ist am 17. und 18. Oktober ein großes Drachenfest, weiß Michael Steltzer. Der Drachenfachmann warnt allerdings vor allzu viel Übermut im Umgang mit den leichten Fliegern: „Man sollte aufpassen, dass nicht zu viele Leute um einen herum stehen.“ Das sei zum Beispiel auf dem Teufelsberg oft der Fall. Dort stehen die Drachenfreunde dicht an dicht. Steltzer rät eher, ganz weit rauszufahren, ins Berliner Umland. „Dort gibt es so viele schöne Felder.“

Allerdings müsse man sich vor Hochspannungsleitungen hüten, und vor der Benutzung bei den Landwirten nachfragen, ob man auf ihren Felder herumlaufen dürfe. Und falls ein Gewitter aufziehe, sollte man das weite Feld schnell verlassen.

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