Drehort Berlin : Die Chamäleon-Stadt

Berlin bleibt doch Berlin? Nicht im Kino, dort kann daraus nahezu jede Metropole werden – aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder auch der fernen Zukunft.

Andreas Conrad
Drehort
Zukunftsvisionen: Berlin hat die Chance, ein Kraftzentrum der wissensbasierten Ökonomie in Europa zu werden. Von Klaus Wowereit -Foto: ddp

Eines lässt sich übers Jahr 2054 jetzt schon sagen: Körperpflege funktioniert weiterhin mit Wasser und Seife. So sahen das jedenfalls Steven Spielberg und seine „Minority Report“-Crew, orderten daher vorsorglich beim Berliner Designer Jochen Schmiddem dessen Dusche „Cocoon“ und zwei Waschtische „Lugano“. Die Requisiten tauchten im Film nicht auf, doch der Beweis war erbracht: Berlin taugt nicht nur für historische und aktuelle, sondern auch für futuristische Stoffe.

Nehmen wir nur Bregna im Jahr 2415, Handlungsort des Thrillers „Aeon Flux“. Ein Virus hat die Menschheit bis auf wenige Millionen dezimiert, die in der Retortenstadt inmitten des Urwalds überlebten, kontrolliert von einem totalitären Regime. Der Gedanke an Brasilia, noch so eine tropische Reißbrettinsel, liegt nicht fern, und tatsächlich wollte Regisseurin Karyn Kusama ihre Version der alten Trickfilmserie zunächst dort drehen. „Aus praktischen Gründen“, so Produzent David Gale, war es nicht möglich, überall habe man nun nach einem alternativen Drehort für Bregna gesucht, das in der Ur-Serie noch eine geteilte Stadt gewesen sei. Dass die Wahl aufs wiedervereinte Berlin fiel, „erschien uns sinnvoll“.

Zwei Wochen war das „Aeon Flux“Team in der Stadt, die Location Scouts vom Studio Babelsberg zeigten rund 70 mögliche Orte, dann war entschieden: Berlin ist Bregna. Der Film, gedreht von August bis Dezember 2004, wurde keine Sternstunde der Filmgeschichte, auch kein Kassenerfolg, trotz Oscar-Preisträgerin Charlize Theron als Killergirl der Rebellen. Überraschend ist aber das Geschick, mit dem hier jüngste und historische Architektur zur homogenen Kunstwelt der Zukunft verschmolzen wurde. Immer wieder hat der berlinkundige Zuschauer Déjà-vu-Erlebnisse – und wähnt sich dennoch in Bregna. Die Freitreppe von Schloss Sanssouci findet sich harmonisch neben den Gärten der Bundesgartenschau in Potsdam-Bornstedt. Die Kongresshalle im Tiergarten wurde zur utopischen Überwachungszentrale, das Anatomische Theater in der Charité, spätes 18. Jahrhundert, zu dem Ort, an dem die Titelheldin ihre mörderischen Aufträge erhält. Das Bauhausarchiv mutierte zum Wohnhaus ihrer Schwester, sogar Axel Schultes’ Krematorium debütierte als Drehort. Actionszenen spielten in den Gewölben der Wasserwerke wie auch im gigantischen Adlershofer Windkanal, wo die Nazis ihre Flugzeuge testeten. Und der finale Kugelhagel fand im neuen Tierheim in Falkenberg statt, das man zum Regierungsviertel umgemodelt hatte.

Steht „Aeon Flux“ für das futuristische Extrem von Berlins Fähigkeit, sich chamäleongleich in fast jede beliebige Kinostadt jeglicher Epoche zu verwandeln, so bildet die Jules-Verne-Verfilmung „In 80 Tagen um die Welt“ das historische Gegenstück; sie spielt rund ein halbes Jahrtausend früher. In der Regel bleiben von Dreharbeiten keine Spuren im Stadtbild zurück, in Potsdam aber erinnert am Eingang zum Gelände der Babelsberger Studiotour ein riesiger Löwe an den Berlinbesuch von Jackie Chan als Passepartout, den schlagfertigen Diener des reiselustigen Phileas Fogg (Steve Coogan). Im Sommer 2003 zierte das Raubtier wochenlang den Gendarmenmarkt, der einer der zentralen Drehorte war – als Platz im London des späten 19. Jahrhunderts, mit dem Deutschen Dom als „Bank of England“ und dem Schauspielhaus als „Royal Academy of Science“. Auch die ersten Reisestationen wurden hier gedreht, so wandelte sich der Schlosspark Charlottenburg zur Pariser Szenerie und die Orangerie von Sanssouci zum Türkenschloss, mit Arnold Schwarzenegger als liebestollem Prinzen.

Auf Berlins nächsten Kinoauftritt als fremde Stadt muss man nicht lange warten. Anfang September startet „Das Bourne-Ultimatum“, worin Matt Damon als Profikiller mit Gedächtnisverlust erneut seine Vergangenheit sucht, unter anderem in Moskau. Schon in „Die Bourne- Verschwörung“ von 2004 hatte sich Berlin vor allem als Selbstdarsteller, aber auch als russische Hauptstadt bewährt, mit den Plattenbauten der Fischerinsel und dem Tiergartentunnel als Drehorten. Anfang dieses Jahres durfte Berlin wieder Moskau sein, diesmal mit dem Bahnhof Lichtenberg, einem Supermarkt am Platz der Vereinten Nationen und dem Tunnel am Alexanderplatz.Und wieder gab es Probleme mit dem erhofften Schnee. Berlin ist eben nicht Moskau.

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