Ehrung : Biermann bleibt im Rahmen

Das Porträt des Liedermachers hängt jetzt im Abgeordnetenhaus. Bei der Enthüllungsfeier bekannte sich Wolf Biermann zur eigenen Eitelkeit und griff zur Gitarre. Mit der Ehrenbürgerwürde hat der Künstler seinen Frieden gemacht.

 Bernd Matthies
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Mit Gitarre. Liedermacher Wolf Biermann neben seinem Porträt. -Foto: ddp

Da sitzt er nun, der Ehrenbürger Nummer 115. Auf einem wackligen Stühlchen, die Gitarre auf dem Schoß, eingefasst von ein paar Bilderrahmen und einem Sofa. Klar porträtiert, mit hellem, durch die große Brille peilenden, leicht nach oben gerichteten Blick. So, als singender Spötter und Republikgewissen, wird Wolf Biermann die Ehrenbürgerhalle des Abgeordnetenhauses bereichern – gemalt von Ronald Paris, mit dem ihn Jahrzehnte der herzlichen „Entfreundung“ verbinden.

Zur kleinen Enthüllungsfeier im Abgeordnetenhaus hatten sich am Mittwochabend die Spitzen der Berliner Politik eingefunden, Wolfgang Thierse, Frank Henkel, Uwe Lehmann-Brauns, Franziska Eichstädt-Bohlig und andere; Walter Momper als Hausherr hielt die Laudatio. Klaus Wowereit, den Biermann vor zwei Jahren wegen dessen Koalition mit den SED-Nachfolgern scharf angegriffen hatte, war nicht dabei. Ihnen erläuterte Biermann, dass das Bild die Realität nicht ganz real, sondern durchaus im Sinne des sozialistischen Realismus wiedergebe: Er habe sich – deutlich sichtbar – vor einigen Jahren den rechten Zeigefinger abgerissen, aber auf dem Bild ist er noch dran. „Der Maler hat ihn wieder drangemalt, im Sinne der schönen Realität, aber noch etwas schöner.“

Ronald Paris, Maler des Porträts, war in der DDR durch ein Ernst-Busch-Porträt bekannt geworden, das den Schauspieler als gebrechlichen Mann zeigte und nicht, wie gewünscht, als Helden des Sozialismus. Das Bild ist verschwunden, zerrissen von Busch selbst, wie Biermann erzählte. Der Liedermacher und Paris zerstritten sich 1968 an der Frage des Prager Frühling – sind sich heute aber wieder in herzlicher, sarkastisch getönter Freundschaft zugetan. Biermann verdeutlichte dies, indem er Paris in seiner improvisierten Rede liebevoll durch den Kakao zog – ein vermutlich einzigartiger Vorgang in der Geschichte des Berliner Ehrenbürgerwesens.

Biermann – „ich hab, wie immer, zufällig die Gitarre dabei“ – holte weit aus, bezog sich auf Hegel und La Rochefoucauld, erläuterte den Unterschied zwischen dem Kunstschönen und den Naturschönen im Hegelschen Sinn („Thierse, kannst dich noch erinnern?“) und kam abrupt auf das Porträt zu sprechen: „Von mir können sie kein Urteil über das Bild von Paris erwarten“, sagte er, „denn ich bin das Naturschöne“. Weiter: „Da ich eitel bin wie alle, die was taugen, können sie von mir nicht erwarten, dass ich ein Kunsturteil fälle über ein Bild, auf dem ich selbst drauf bin.“ Und dann, La Rochefoucauld zitierend: „Die Tugend käm nicht immer weit, stünd ihr nicht Eitelkeit zur Seit.“

Ein Lied zur Gitarre, die alte Ballade über Francois Villon, vorgetragen auf der Gitarre mit den zwei Löchern, die auch der Mittelpunkt des Porträts ist. Beifall, weitere Erinnerungen. Philosophieren mit dem SED-Chefideologen Kurt Hager. wie es damals war, als sich die Freunde Biermann und Paris über die Frage zerstritten, ob Dubceks Prag ein Schlag der Konterrevolution sei, dem man mit der Kalschnikow entgegentreten müsse. Wieder ein Lied, über Voltaire, ausgedruckt für die Gäste auf seinem Hamburger Computer, sogar in Farbe und auf wertvollem Papier. Und keine bösen Töne. Biermann., so schien es, hat seinen Frieden mit der Ehrenbürgerschaft gemacht.

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