Ein Bericht zur Kitakrise : Lottogewinn Kitaplatz

Fehlende Kitaplätze, Frust unter den Erziehern, planloses Jugendamt - Alle sind unzufrieden. Die Eltern finden keine wohnortnahen Kitaplätze und fürchten um die kindgerechte Betreuung. Die Kita-Leiterinnen klagen über genervte Eltern und zu wenig Personal. Ein Vater berichtet über die Missstände und seine Freude am Ende einer Suche.

Matthias Lehmphul
Kita
Musik in den Ohren: Kindgerechte Erziehung ist nur mit entsprechendem Personal möglich. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinLange suchten wir einen Kitaplatz, über ein halbes Jahr lang. Mittlerweile haben meine Frau und ich einen Kitaplatz gefunden. Ein Lottogewinn! Wir wohnen am Ostkreuz im Berliner Stadtteil Friedrichshain und da gibt es zahlreiche Kindertagesstätten, aber keine Kitaplätze. Zumindest nicht für junge Familien mit einem Kleinkind.

Bei den ersten Anfragen bin ich als junger Papa noch ganz aufgeschlossen und  verständnisvoll für die schwierige Situation der Kita-Leiterinnen. Da gibt es die Wartelisten von bis zu einem Jahr. Ich trage mich immer brav ein, gebe sogar meine dienstliche Telefonnummer heraus. Nie habe ich je einen Anruf von einer Kita-Leiterin erhalten. Ich gehe auch mehrmals vorbei, um mein Gesicht zu zeigen. Immer wieder werde ich vertröstet. Es sei nichts zu machen. Manche Kita-Leiterinnen wimmeln mich bereits bei der Kontaktaufnahme ab, sie seien hoffnungsvoll überfüllt, hätten Personalmangel und keine Aufnahmekapazitäten.

Ungewollte Kinder

Neben der Suche plagen wir uns mit Papierkram herum. Um einen Kitaplatz zu bekommen, beantragen wir beim Jugendamt einen Kitaschein. Der gilt allerdings nur sechs Wochen. In dieser Zeit müssten wir einen Kitaplatz finden. Ansonsten verfällt dessen Gültigkeit und wir müssten die Papiere erneut einreichen und das Jugendamt müsste erneut über den Kitaschein entscheiden. Langsam macht sich bei mir Verzweiflung breit.

Zu allem Ärger kommt es beim nächsten Versuch am Telefon fast zum Eklat. Kaum frage ich, fällt mir die Leiterin einer evangelischen Tagesstätte auch schon ins Wort. Sie grummelt, es gebe keine Chance auf einen Platz. Ich stottere, es sei schließlich existenziell wichtig. Meine Frau und ich müssten arbeiten und wären auf einen Kitaplatz angewiesen. Sie schneidet mir das Wort ab und legt fast den Hörer auf. Da bleibt mir nur der höffliche Rückzug. Ich verabschiede mich von ihr. Ratlos denke ich anschließend über das Telefonat nach: Wie betreuen die wohl tagtäglich ihre Kinder? Ich bin schließlich froh, dort nicht meinen Sohn lassen zu müssen.

Eine Nachfrage beim Jugendamt brachte noch mehr Verzweiflung. Eigentlich sei das Jugendamt nicht berechtigt, Eltern über freie Kitaplätze eine Auskunft zu erteilen. Die freundliche Stimme mache aber mal eine Ausnahme. Die Dame verweist mich auf eine gerade erst eröffnete Kindertagesstätte in der Alfred-Kowalke-Straße. Da seien noch Plätze frei, ich müsste mich aber beeilen. Ich bedanke mich freudestrahlend. Mir fallen beinahe die Augen heraus, als ich vor dem Laden stehe. Die Kita entpuppt sich als Bruchbude an einer viel befahrenen Straße. Zwischen Autowerkstatt und Trinkhalle sollen hier Kinder tagsüber betreut werden?

"Zur Zeit keine Terminvergabe"

Bei einer meiner letzten Expeditionen auf der Suche nach einem Kitaplatz komme ich an einer Einrichtung vorbei und mir fällt fast der Kiefer herunter: "Zurzeit keine Terminvergabe an Eltern möglich“. Damit waren die Eltern angesprochen, die einen Kitaplatz suchen und mit der Kita-Leiterin sprechen wollen (um sich dann auf die Warteliste einzutragen). Was ist hier los?

Ich gebe die Hoffnung auf, in Friedrichhain einen Kitaplatz zu finden und erweitere meine Suche. Durch einen Zufall finde ich eine Kita in Kreuzberg. Die Einrichtung ist trotz Kitakrise noch gut ausgestattet. Das Sprachtagebuch wird bei jedem Kind geführt. Darin wird die Sprachentwicklung des Kindes dokumentiert. Einen Platz habe sie, weil eine Familie aus Berlin wegziehe. Ansonsten sei es eigentlich aussichtslos. Sie wirkt, als mache ihr trotz aller Hürden und genervter Eltern ihre Arbeit Spaß.

Ihr möchte ich unser Kind anvertrauen und gebe ihr den Kitaschein. Es fühlte sich an wie ein Lottogewinn. Ich unterhalte mich mit ihr über meine schlechten Erfahrungen. Sie kennt offenbar das Problem. Die Kitas ächzten unter der gestiegenen Nachfrage. Die Personaldecke sei sehr dünn. Dadurch kommen trotz aller Willensbekundungen vor allem die Kleinen zu kurz. Grund für diese Kitakrise sei vor allem der Personalabbau in den 90ern. Hunderte Erzieherinnen und Erzieher fehlten nun in Berlin.
 
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