Stadtleben : Ein bisschen sakral

AUFTRITT DER WOCHE Nicole ist auf Kirchen-Tour Sie singt in Wedding ihr Unplugged-Programm

Bernd MatthiesD
308961_0_08ea932e.jpg
Erleuchtet. Nicole. Foto: Winfried Seibert/promo

Das Versprechen war nicht ganz ernst zu nehmen. „Ich glaube an Gott, gehe aber nur in die Kirche, wenn niemand drin ist“, sagte die saarländische Schlagersirene Nicole kürzlich in einem Zeitungsinterview, „ich will mit ihm allein in aller Ruhe Zwiesprache halten.“ Bei der nächsten Zwiesprache in Berlin werden aber auch noch ein paar hundert Fans mithören, denn Nicole geht auf Tournee durch zehn deutsche Kirchen: Am Sonntag gastiert sie in der Kapernaumkirche.

Dass die ewige Grand-Prix-Siegerin mit der durchdringenden Stimme bei dieser Gelegenheit liturgische Gesänge vorträgt, ist indessen nicht zu erwarten. Ein paar Weihnachtslieder werden wohl dabei sein, der Advent ist nicht fern, aber ansonsten handelt es sich wohl um das Programm ihrer „Unplugged“-Tour mit dem aktuellen Album „Meine Nummer 1“. Das passt zweifellos akustisch wie von der Stimmung gut in Sakralräume – wer mag, der kann argwöhnen, dass Kirchen auch leichter mit Zuschauern zu füllen sind als Konzertsäle, und dass die so bemerkenswert aus der Zeit gefallen wirkende Sängerin da ein paar Probleme haben könnte.

Nicole ist immer noch Nicole. Bislang hat sie darauf verzichtet, sich durch Zugabe ihres Familiennamens (Seibert) ins Erwachsensein zu fügen. Dabei ist sie gerade 45 geworden, hat zwei Kinder, die Silberhochzeit und eine Papstaudienz schon hinter sich und könnte insofern einen richtigen Nachnamen vertragen. Doch möglicherweise würde ein solcher Schritt sie sogar unbekannter machen, denn als Nicole hat sie unter den Deutschen zumindest ihrer Generation einen überwältigenden Bekanntheitsgrad, sie ist eine Art singendes Gegenstück zu Helmut Kohl.

Der Grand Prix 1982, noch gänzlich unangefochten von Hardrock-Clownerien und vermeintlichen politischen Intrigen, hängt ihr wohl bis ans Lebensende nach; das Bild der Oberschülerin im gepunkteten Konfirmationskleid mit Gitarre, die das Ralph-Siegel-Lied „Ein bisschen Frieden“ zu Gehör bringt, ist ebenso Teil der deutschen Ikonografie wie die glücklichen Trabi-Fahrer an der Bornholmer Straße.

Hinterher hat sie 16 Mal die ZDF-Hitparade gewonnen und allerhand Preise dazu, aber das ist eher was für ihre eingeschworenen Fans. Die sind im Umkreis der Volksmusik-Sendungen zu suchen, wo wohlerzogene Reime, absehbare musikalische Wendungen und ein skandalfreies Leben und sorgfältig arrangiertes Blondhaar noch unangefochtene Werte darstellen, wo die fast ausschließlich deutschen Texte auf den Bausteinen Herz, Schmerz und Sehnsucht ruhen wie eine Brücke auf den Pfeilern, umspült von homöopathisch dosierter Sozialkritik.

Das Unplugged-Konzept immerhin wirkt wie der Versuch, dem Playback- Sumpf der Schlagersängerei so etwas wie ein Bekenntnis zur handwerklichen Qualität entgegenzustellen; die in den Höhen immer etwas angestrengt gellende Stimme hat Befürworter wie Verächter, die ihre jeweilige Meinung aber auch aus diesem Anlass nicht ändern werden. Von Ralph Siegel hat sie sich längst getrennt und durchquert nun aus eigener Kraft ZDF-Fernsehgarten und SWR-Weinberg und Musikantendampfer. Wenn es sein muss, beispielsweise für eine der allgegenwärtigen Chart-Shows, singt sie ungerührt und ganz ironiefrei das Lied vom Frieden. Bernd Matthies

Sonntag, 15. November, 18 Uhr, Kapernaumkirche, Seestraße 35, Wedding, Tickets: 01805/570035, www.tourneen.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben