Stadtleben : Ein Sektchen aufs Nein

Die Flugbetriebsgegner feierten ruhig beim DGB

Stefan Jacobs

Es ist eher ein 70er-Jahre-Museum als ein Festsaal, in dem sich die Flugbetriebsgegner des Bündnisses aus SPD, Linkspartei, Grünen und Verbänden versammelt haben. Dunkle Holzpaneele, nackte Stehtische, ein Beamer mit Leinwand. Dazu, gegen Geld, Berliner Kindl und Wasser. Den Fernsehbildern nach ist die Verpflegung bei der Icat bedeutend besser.

Ein paar Bürgerbewegte und Umweltaktivisten sind schon da, die Grünen-Spitzen treffen ein. „Das ist ja so langweilig wie ein Friseurbesuch“, knurrt Wolfgang Albers, der kahlköpfige Landesvize der Linken. Sein Chef Klaus Lederer liegt mit Virus im Bett. Es geht auf halb acht zu, die Zeit der ersten Prognose. Eine Menschentraube zieht sich um den Laptop mit der Fernsehantenne zusammen, die Abendschau beginnt. „…ein wahrhaft historischer Tag…“, kann der Moderator noch sagen, dann bricht der Empfang zusammen. Lange Sekunden folgen. Dann wieder Empfang. Der Landeswahlleiter im Bild, Quorum verfehlt, Riesenjubel.

Doch es wird schnell es wieder ruhig. Statt Siegestaumel macht sich eher eine rationale Erleichterung darüber breit, dass man aus dieser Nummer einigermaßen heil wieder herausgekommen ist. „Ich bin sehr positiv überrascht über den Anteil der Nein-Stimmen“, sagt der Charlottenburger Stadtrat und SPD-Landesvize Marc Schulte. „Und als Freund plebiszitärer Elemente habe ich mir eine große Beteiligung gewünscht.“

Im Gedränge stehen auch Monika Pieper-Müller und ihr Mann Dieter, beide um die 60, Zehlendorfer und zugleich Linksparteiische (!). Sie genießen das Beisammensein mit Gleichgesinnten. Beim Verteilen von Nein-Flyern in Zehlendorf wurden sie gefragt, ob sie sich nicht schämen. Nachbarn schauten sie schief an.

Während die ersten gehen, treffen weitere Feierlustige ein. Schulte schwingt sich auf sein Fahrrad, Albers sagt noch, dass Friedbert Pflüger nun wieder von vorn anfangen könne nach dieser „vernichtenden Niederlage“. Minuten später wird Pflüger im Fernsehen von einem „großen Sieg“ sprechen. Der Rest geht in empörtem Gelächter unter.

Tilmann Heuser, der Landeschef des Umweltverbandes BUND, erklimmt die Bühne und beschwört die Menge: „Jetzt haben wir die gemeinsame Aufgabe, den Menschen zu zeigen: Aus Tempelhof können wir was Tolles machen!“ Applaus. Als Heuser nachschiebt, dass laut der von der Icat verbreiteten Falschmeldung („Wenn Sie nicht wählen gehen, stimmen Sie automatisch mit Nein“) fast 80 Prozent der Wähler gegen den Flugbetrieb gestimmt haben, bricht noch einmal Gejohle aus. Dann wieder gepflegte Konversation. Jutta Matuschek, Verkehrsexpertin der Linken, schwenkt Richtung Bar: „Jetzt erst mal ’n Sektchen.“ Stefan Jacobs

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