Stadtleben : Ein Sieg ist die Krönung

Jennifer Ammel will Weltmeisterin werden – in der Kunst der Kaffeezubereitung

Lothar Heinke

Jennifer Ammel – 30 Jahre alt, schlank, blond und ausgezeichnet in ihrem Beruf – möchte Weltmeisterin werden. Ihre Disziplin ist schneeweiß, ziemlich aufgeschäumt und duftet wie das schwarze Gesöff in einer frischen, heißen Moccatasse. Jennifer, das Kaffeemädchen, nennt sich „Barista“, Leute mit diesem Job kann man tagtäglich in jedem Coffee-Shop der Welt beobachten – Barista ist eine Art „Kaffeekünstler“ an der fauchenden, schnaubenden und sprühenden Espressomaschine. Er weiß alles über den Kaffee, dessen familiäre Herkunft, seine Lebenswelt und eine zarte Behandlung – und er macht das Endprodukt eigenhändig fertig, schüttet den Schaum mit lockerem Handgelenk auf den schwarzen Espresso, um ihn am Ende aus der Lamäng mit bizarren Mustern zu verzieren, so dass den kaffeegierigen Endverbraucher ein schlechtes Gewissen beschleicht, wenn er die Tasse zum Munde führt und so das Kunstwerk zerstört. Latte Art sind die kleinen dekorativen Sahnehäubchen des Barista-Handwerks, sie runden den kulinarischen Genuss mit optischer Finesse ab.

Damit ist schon eine Menge über die Kunst der Kaffeemacherin gesagt. Jennifer Ammel kann sich Deutsche Meisterin nennen, beim 3. Deutschen Coffee & Spirit Contest im Februar in Frankfurt am Main siegte sie: „In acht Minuten galt es, zwei identische Irish Coffees, basierend auf Whisky, Zucker, Kaffee und Sahne sowie zwei identische warme oder kalte Eigenkreationen auf der Basis von Alkohol, Kaffee und weiteren Zutaten zuzubereiten.“ So ein Meistertitel verpflichtet zu Höherem, will aufgeschäumt sein: Jetzt macht sich die Kaffeekünstlerin auf nach Kopenhagen, wo heute die Coffee-&-Spirit-Weltmeisterschaft beginnt.

Jeder bringt dazu seine spezielle Milch von zu Hause mit, und dann kann das Abenteuer beginnen: Beweisen, dass man ungleich mehr kann als ein Vollautomat. „Ich bin so eine Art Turniermannschaft“, sagt Jennifer, „und steigere mich während des Wettbewerbs.“ Was wichtig ist: Eine gute Trennung zwischen Crema vom Espresso, Sahne, Milchschaum, sauberes Arbeiten, Freude an der Kreation, Kaffeegeschichten muss man erzählen, und dann natürlich schöne Muster zaubern: Farne, Herzen, Löwen, Planeten, Osterhasen, Schwäne und sogar Mona Lisas werden aus dem Stegreif milchschaumgeboren. „Kaffee ist Zeitgeist“, sagt die Rheinländerin, die längst zur Berlinerin geworden ist: Jahrelang hat sie bei Kaffeeketten gearbeitet, dazu ihre Studien in Berlin erfolgreich beendet, neue deutsche Literatur und Geschichte fließen hier irgendwie mit dem Kaffee zusammen, und das Ganze kommt den erwachsenen Schülern der „Berlin School of Coffee“ und der Berliner Kaffeerösterei in der Uhlandstraße zugute.

In der Berliner Kaffeeschule werden die Bariste von Jennifer ausgebildet, Managerin Stefanie Hoffmann erzählt, dass die Lust, an ihrer Schule ausgebildet zu werden, ungebrochen ist: Dem Kaffeeautomaten verbundene Leute aus Hotels, Restaurants und Coffeeshops lernen in fünf Tagen alles, was zum Kaffee gehört, aber es gibt auch Kurzseminare für jedermann mit Theorie und Praxis rund um die Bohne, Stefanie Hoffmann vergleicht das mit der Weinkunde: die unterschiedlichen Sorten, ihre Bearbeitung, die Zubereitung und das Endprodukt im Glas und in der Tasse. Und wenn man – wie Jennifer und Stefanie – bis zu 500 Tassen und Gläser am Tag kaffeekünstlerisch zubereitet, dann lächelt die Mona Lisa aus dem Schaum fast wie im Schlaf von ganz allein. Lothar Heinke

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