Stadtleben : Eine für alles

Am Mittwoch eröffnet die O2-World auch eine neue Hallen-Ära. Innenansichten einer Arena, die es so noch nicht gab in der Stadt

André Görke

Südtribüne, Ebene 3. „Gazprom Germania“ steht auf dem Schildchen an der Tür. Das ist also die Loge, in der bestimmt auch mal Gerhard Schröder sitzen wird. Jede einzelne hat sechs Barhocker, Flachbildschirm, Ledercouch. Nur leider befindet sich diese in, sagen wir, pikanter Lage: Nämlich unter dem Gästeblock. Hoffentlich kippt da niemand sein Pils auf den Altkanzler.

Aber sonst? Ja, der Blick von der steilen Südtribüne ist beeindruckend. Die gesamte Arena, die am Mittwochabend vor 1000 geladenen Gästen zwischen Ostbahnhof und Warschauer Brücke eröffnet wird, hat man von dort im Blick. Den Videoklotz mit seinen acht Leinwänden, der 27 Tonnen wiegt und in elf Meter Höhe an Stahlseilen in der Luft baumelt. Von hier oben sieht man all die Sitzschalen, weil kein Stützpfeiler stört. Wobei: „Stühlchen“ passt besser, denn jeder der bis zu 14 000 Sitzplätze ist mit Stoffpolster überzogen, hat Rücken- und Armlehne (und einen Getränkehalter, schließlich soll das Pils – 3,60 Euro für den 0,4er-Becher – nicht umkippen). Das mit dem Getränkehaltern ist auch deshalb wichtig, weil die Gänge so schmal sind, dass alle anderen automatisch aufstehen müssen, will man sich nicht in die Hose pinkeln.

Das ist sie also, die Mega-Halle, Konzertbühne, Multifunktionsarena, Eisstadion, Basketballheimat, die „O2-World“. Ziemlich amerikanisch, das steht schon mal fest, und das ist gar nicht mal böse gemeint: In den Gängen hängen Monitore, niemand wird mehr beim Bierholen ein Tor verpassen. Es gibt 420 Toiletten, das ist viel, im Olympiastadion sind es 800 bei 74 000 Plätzen. Und Kioske gibt es, 22 an der Zahl, und bei der Namenssuche hat man anscheinend ein Kreativbüro bemüht: „Hot & Crispy“ heißen die – Pommesbuden. Und auf den schwarzen Shirts der Sicherheitskräfte steht nicht etwa „Ordner“, sondern „Arena Control“.

Zwei Jahre Bauzeit hat das alles gedauert, wurde privat finanziert, zumindest die Arena an der Spree. 165 Millionen Euro hat sie gekostet, jetzt ist sie fertig. Im Innern der Halle haben die Arbeiter die Eisschicht unter schweren Platten versteckt. Das Eis wird immer erhalten bleiben, herabgekühlt auf minus 7 Grad Celsius. Darüber spielen die Basketballer von Alba, Stars geben ihre Konzerte. Und falls sich jetzt jemand Sorgen macht wegen der Kleidung: In der Arena herrschen konstant 18 Grad.

Der Umbau vom Eishockey- zum Basketballspielfeld soll, wenn sich alles eingespielt hat, zwei Stunden dauern. Der Umbau von der Konzert- zur Sportbühne geschieht über Nacht. Deshalb kann Herbert Grönemeyer am Samstagabend spielen, und am Sonntagnachmittag laufen schon wieder die Eisbären auf.

Die Technikzentrale befindet sich hinter Raum 3.04.03. „Ton & Regie“ steht an der Tür. Im Technikraum mit all seinen Monitoren sieht es ein bisschen aus wie im Überwachungszentrum der Nasa. Hier steuern sie den Videoklotz unter dem Dach, schneiden „Arena TV“ für die Fernseher im Rundgang und bespielen den 300 Meter langen Leinwandring, der am Oberring befestigt ist und auf dem gerade „Goal! Goal!“ aufblinkt.

Die Arena ist im Oberring angelegt wie ein Hufeisen. Die offene Seite befindet sich direkt über den Fanblöcken der Eisbären. 3000 Stehplätze haben sie dort und eine Fanbar, die angenehm spröde „Heimspiel“ heißt. Sonst aber kann der Besucher einmal in der Arena herumlaufen, vorbei an den Glasfassade im Süden (mit Blick auf die Spree), im Norden (mit Blick auf die S-Bahn), im Westen (mit Blick auf den Fernsehturm) und im Osten (mit Blick auf einen Parkplatz). Das Glas hat übrigens einen UV-Schutz, soll ja keiner einen Sonnenbrand bekommen.

Überhaupt scheinen sich die US-Investoren sehr um die Besucher kümmern zu wollen. Für so manchen kann das ein echter Kulturschock sein: An so viel Sauberkeit und Service muss man sich in Berlin erst einmal gewöhnen. Im dritten Stock liegt überall Teppich aus. Und vom Eingangsbereich werden die Fans auf Rolltreppen hinauf auf ihre Ebenen geführt. Wo – außer im ICC – gibt es denn so etwas?

Immerhin, es gibt auch Dinge wie einen Bratwurststand. Gut, der heißt hier neben Block 213 zwar anders, nämlich „Curry 213“. Das soll eine Anlehnung an die Berliner Eigenart sein, Imbissbudennamen mit Hausnummern zu versehen wie „Curry 36“ oder „Ku’damm 195“. Das Fleisch stammt aus artgerechter Haltung, die Schweine kommen von der Wiese des Guts Hesterberg in Neuruppin. Ausgewählt wurde es vom Promilokal-Ableger „Borchardt Catering“. Und der Geschmack dieser ganz speziellen Bratwurst? Na, wie Bratwurst halt schmeckt.

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