Stadtleben : Eine Mordsschwester

Krimi-Autorin Sybil Volks liest heute bei der langen Buchnacht in der Oranienstraße

Daniela Martens

Ein halbes Jahr hat Sybil Volks jeden Vormittag mit einem Mörder verbracht. Oft auch noch den Nachmittag. Sie war dabei, als er zwei Geldboten tötete. Sie war es sogar, die sich die Details der Verbrechen ausdachte. „Er ist mir sehr ans Herz gewachsen in dieser Zeit“, sagt sie, kratzt einen Rest aus der Honigpackung in ihren Yogitee und lehnt sich in die Polster des Sofas zurück, in einer Ecke des Cafés „Kauf dich Glücklich“ in Prenzlauer Berg .

Sybil Volks ist eine mörderische Schwester. Das ist in diesem Fall allerdings weder eine Beleidigung noch ein Grund, sie ins Gefängnis zu stecken. Denn so heißt ein Verband deutscher Krimiautoren, die Berliner Sektion nennt sich „13 Schwestern“, obwohl es wesentlich mehr sind. Genau dreizehn von ihnen werden jedoch am heutigen Sonnabend bei der Kriminacht der Mörderischen Schwestern im „Max & Moritz“ in Kreuzberg Geschichten vorlesen. Die Veranstaltung gehört zur 10. Langen Buchnacht in der Oranienstraße. Genau eine Woche nach dem Auftritt in der Oranienstraße wird Sybil Volks nach Wien fliegen, zur Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises. Und vielleicht wird sie einen der wichtigsten Preise für deutschsprachige Krimi-Autoren mit nach Berlin zurückbringen: Sie ist in der Kategorie „Debütroman“ nominiert und zwar mit dem Buch über den Geldbotenmörder, geschrieben aus der Perspektive des Täters. „Café Größenwahn. Kappes zweiter Fall“ heißt es und ist der zweite Band der Krimireihe „Es geschah in Berlin“ des Jaron-Verlags, bei der verschiedene Autoren über Fälle schreiben, in denen der Polizist Hermann Kappe Anfang des 20. Jahrhunderts ermittelt, vor der Kulisse historischer Ereignisse. Drei Bände sind schon erschienen, die nächsten drei kommen demnächst heraus. Einen davon hat eine weitere mörderische Schwester geschrieben: Iris Leister wird aus Kappes fünftem Fall „Novembertod“ bei der Buchnacht im Café Max & Moritz lesen.

Sybil Volks bringt ihren „ans Herz gewachsenen“ Mörder allerdings nicht mit, sondern eine ihrer Kurzgeschichten. Dabei passt die Kombination Literatur und Café besonders gut zu ihrem Roman: Das Café Größenwahn – offiziell hieß es Café des Westens – war das wichtigste Berliner Literatencafé zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort, am Ku’damm, tranken die Künstler der Zeit Kaffee und Bier. Zum Beispiel Schriftstellerin Else Lasker-Schüler, meistens mit einem Turban.

Sybil Volks verwebt die Kulisse des Künstlercafés mit zwei historisch verbürgten Morden an Geldboten, einer davon fand im Adlon statt. Sybil Volks war dort allerdings erst nach er Veröffentlichung ihres Buches zum ersten Mal. „Vorher habe ich mich nicht getraut“. Sie selbst ist nämlich – anders als „ihr“ Mörder – das Gegenteil von größenwahnsinnig, nämlich ziemlich bescheiden. „Auch wenn ich nicht gewinne, wird die Glauser-Preisverleihung toll“, sagt sie. „Allein die Nominierung ist schon großartig.“

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