Stadtleben : Eine Woche zu früh ausgereist

1989 war ich 17 und fing an, nach vorne zu blicken. Der Ausreiseantrag, den Mutter gestellt hatte, wurde zu unserer großen Erleichterung bewilligt. Wir mussten einen bestimmten Zug nehmen, früh am nächsten Morgen von Rostock nach Lübeck, von dort ging es mit dem Auto nach Hamburg. Eine Woche später saß ich vor dem Fernseher. Über den Bildschirm lief eine Schlagzeile: „Mauer gefallen.“ Ich hielt das für einen Scherz. Erst allmählich habe ich das als wahr realisiert und mich geärgert, dass es nicht eine Woche früher passiert war. Dann hätten wir nicht alles verloren. Jeder durfte ja nur einen Koffer mitnehmen. Möbel, persönliche Sachen – alles mussten wir zurücklassen. Letztlich überwog die Freude. Zwei Wochen nach unserer Ausreise fuhr ich nach Berlin, Anfang 1990 zog ich endgültig zurück.

Das Merkwürdige war, dass ich zu meinen alten Freunden keine Beziehung mehr aufbauen konnte. Bereits ein Jahr vor unserer Ausreise hatte ich angefangen, mich innerlich von ihnen zu verabschieden, mich emotional zu distanzieren. Es war eine Art Vorbereitung, damit es nicht mehr so weh tut, wenn die Ausreise genehmigt wird. Ich ging ja davon aus, niemanden mehr wiederzusehen.

PAUL VAN DYK (37)

DJ aus Berlin

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