Elektrorap : Peinlich ist den Atzen gar nichts

Früher Untergrund, heute Mainstream: die Atzen. Am Freitag erscheint das neue Album der Prollrapper

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Bitte lächeln Sie jetzt. Marc Schneider (links) und Vicente de Teba Költerhoff in ihrem Studio. Foto: Mike Wolff

Im Tempelhofer Restwintergrau tauen abgebrannte Silvesterraketen unter nassem Matsch hervor. Die letzte Party ist schon länger her. Hier irgendwo soll das Studio der Atzen sein, die bei der Silvesterparty am Brandenburger Tor auftraten. Das Hauptquartier eines Discoinfernos stellt man sich allerdings anders vor. Plötzlich aber taucht ein Typ mit Basecap auf, der, natürlich, einen Pitbull an der Leine hat. Ist eben Tempelhof hier. Vicente de Teba Költerhoff, der sich auch als Atze immer noch Frauenarzt nennt, obwohl er den Gyno-Rap, der ihn vor ein paar Jahren auf die schwarzen Listen der Jugendschützer gebracht hat, längst durch Konfettimusik ersetzt hat, schließt die Tür zum Studio auf. Auch dahinter entspricht so gar nichts den Erwartungen. Es ist hell und freundlich hier. Rauchen? Draußen bitte. Und der Hund will auch nur spielen.

Und doch haben die Atzen hier ihr neues Album produziert, das am heutigen Freitag erscheint. „Atzen Musik Vol. 2“ heißt „das Brett“, wie Vicente es nennt. Er lässt sich auf eine schwarze Couch fallen, auf der die neuesten Ausgaben schreiend bunter Teeniemagazine liegen. Mittlerweile ist auch Marc Schneider, im Atzenuniversum nur Manny Marc, im Studio angekommen. Vicente blättert in der „Twist“, einer Art Ersatzbravo. Plötzlich legt sich fast kindliche Freude über sein Gesicht: „Geil, ’ne Doppelseite“, sagt er und deutet auf ein Foto, auf dem zwei Typen mit weit aufgerissenen Mündern knietief in Konfetti abgebildet sind. „Uns ist nichts mehr peinlich“, schreit die Überschrift. Frauenarzt und Manny Marc, zwei ehemalige Rapper aus dem Untergrund, sind angekommen. Irgendwo zwischen Klingeltonabos und DSDS. Und stolz darauf. Besonders Vicente, der lange so etwas wie die dunkle Seite des Hip-Hops war, fühlt sich sichtlich wohl im knallbunten Clownskostüm der Partyatze. „Dieses ganze Rumgedisse im Hip-Hop war irgendwann langweilig geworden“, sagt Manny Marc. Und seine Atze Vicente, der das Magazin jetzt weggelegt und sich eine Fanta eingegossen hat, nickt: „Plötzlich waren alle Underground. Da waren mehr Leute Underground als Mainstream. Was wir heute machen, ist kompletter Mainstream. Aber Mainstream ist der neue Untergrund.“ Genau.

In jedem Fall haben sich die Atzen mittlerweile längst in diesem MTV-Mainstream etabliert, nachdem sie im letzten Sommer aus dem Nichts berühmt geworden waren. Ihre Single „Das geht ab“ krachte damals in die Charts und stellte die Musikszene auf den Kopf. Denn das, was da von den Boxen auf die Tanzfläche gespuckt wurde, machte eigentlich keinen Sinn: Ein ehemaliger Berliner Hinterhofrapper mit Ludenattitüde gröhlte mit seinem besten Freund plötzlich Partyparolen über pumpende Ataribeats. Dennoch wurde der Track, zu dem man auch noch nach drei Jägermeister-Energy problemlos mitprollen konnte, zur Partyhymne des Sommers, lief auf Flatratepartys genauso wie in Edelclubs.

Die Atzenmusik war geboren. Eine Musik, die sich anhört, als hätten Vicente und Marc einfach Micky Krause, Sido, HP Baxxter und Kraftwerk in einen Mixer getan und auf Stufe zwei gut durchgerührt. Atzenmusik ist Technorap, Schlagerpop, oder irgendwas dazwischen. „Man kann auch gar nicht sagen, was das genau ist. Das ist eben einfach Atzenmusik”, meint Marc. Die Atzen haben damit eine Nische besetzt. Mit ihrem ganz eigenen Stil, den sie in den vergangenen Monaten bewusst kultiviert haben. Das merkt man dem Album an. Atzenmusik, die zweite, ist noch mehr als der Vorgänger Technokarneval auf brettharten Synthesizern, über die Frauenarzt und Manny Marc Sprechgesänge wie aus dem Zerhacker legen, die sich schon nach ein paar Minuten viral in den Gehörgang fressen. Dazu gibt es musikalische Zitate von Kool Savas und Jürgen Drews. Technorap eben. Schlagerpop. Weshalb Vicente zum Abschied auch sagt: „Wenn du das Album mit auf eine Party nimmst, kannst du sicher sein, dass niemand sitzen bleibt.“ Dann macht er die Studiotür wieder zu. Draußen ist es immer noch grau. Tempelhof eben, Atzenland also. Lucas Vogelsang

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