Endzeiten in der Gegenwartskunst : Kunst im Fichtebunker

Im alten Gasometer in der Kreuzberger Fichtestraße ist ab Donnerstag Kunst zu sehen – bei kühlen 13 Grad.

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Großzügig geschnitten und konstant 13 Grad: der Fichtebunker.
Großzügig geschnitten und konstant 13 Grad: der Fichtebunker.Foto: David von Becker

„Deutlich frischer“, sagt Andreas Greiner und öffnet die Augen. Jetzt konzentrieren sich auch die Umstehenden auf den Geruch, atmen tief ein, nicken anerkennend. „Letztes Mal roch es richtig muffig, oder vielmehr … modrig!“, sagt der 30-Jährige und lässt seinen Blick voller Bewunderung über den grauen Boden wandern. „So nach Gruft halt. Kein Vergleich zu jetzt.“

Glühend heißer Hochsommer liegt über Berlin. In den Räumen des Kreuzberger Fichtebunkers, einem ehemaligen Gasometer zwischen Fichtestraße und Körtestraße, ist es trotzdem angenehm kühl. Leider ist es für die Anwesenden nun an der Zeit, sich nach draußen zu begeben, denn gleich, sagt einer, müssten die Transporter eintreffen. Die Kunstwerke kommen. Ein großer Moment.

Pia Bruer, 22, kennt den Weg aus dem Gänge-Labyrinth längst auswendig. Lächelnd geht sie der Gruppe voran. Greiners Kompliment galt ihr und ihren 17 Mitstreitern vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität: Sie haben den Bunker gemeinsam geputzt. Drei Tage lang haben die Studenten hier auf den Knien gelegen, geschrubbt, gefegt und müllsäckeweise Dreck nach draußen getragen. „Die besten Staubsauger waren wohl unsere Lungen“, sagt Bruer. „Ich habe nur gehustet, eine Woche am Stück.“

„Und was passiert hier?“, fragt ein Passant, der im Graefekiez wohnt und die Arbeiten am Bunker mit Interesse verfolgt hat. Kuratorische Praxis nennt man das heute, das zumindest ist der Titel der Seminargruppe, ins Leben gerufen im Sommer 2009. „Ich dachte, wenn wir eine Ausstellung in der Bibliothek organisiert bekommen, wäre das schon eine Leistung“, sagt eine Kommilitonin von Pia Bruer. „Und heute stehen wir hier! Ich bin echt überrascht.“

„Now open for off season – Endzeiten in der Gegenwartskunst“, so haben die Studenten die von ihnen konzipierte Ausstellung genannt, bei der ihre Seminarleiterin, die Kunstwissenschaftlerin und freien Kuratorin Anna-Carola Krausse half. Der Titel wurde einem der Exponate entliehen und könnte passender für eine Veranstaltung an dieser Stelle kaum sein. Der Fichtebunker ist ein geschichtsträchtiger Ort, im zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker genutzt, diente der einstige Gasometer später als Altenheim, dann als Jugendarrestanstalt und schließlich als Obdachlosenasyl. Heimelig wird es darin wohl keiner gefunden haben. „Schon bedrückend, die Atmosphäre“, sagt Greiner und Bruer nickt. Greiner ist einer der 25 Künstler, die die jungen Leute für ihr Projekt gewinnen konnten. Sein Beitrag ist eine Videoarbeit, die sich, wie alle ausgesuchten Werke, dem Thema Endzeiten widmet. Auch das eine reizvolle Parallele zur Bunkerszenerie.

Die Gruppe hat trotz des „Endzeit“-Mottos nicht nach einem Bunker gesucht, vielmehr hatte sie zahlreiche Räumlichkeiten auf der Liste. „Beim ersten Rundgang hab ich bloß gedacht, dass hier ’ne ganze Menge zu tun ist“, erzählt Pia Bruer. Das war Anfang Februar, dicke Jacken haben sie damals angehabt, und obwohl die Temperatur im Bunker konstant bei 13 Grad liegt, trägt sie heute kurze Hosen und Top. Jahrelang war das Gebäude unzugänglich gewesen, 2006 hat man es an private Investoren verkauft, die auf dem Dach des ehemaligen Gasometers exklusive Eigentumswohnungen einrichteten. Die unteren Stockwerke will die Museumswerke GmbH in dauerhafte Ausstellungsräume verwandeln.

Für viele andere Dienstleistungen haben die Studenten Sponsoren gefunden. Ein Baumarkt, eine Lampenfirma, eine Elektrofirma, auch zwei Bestattungsinstitute sind als Geldgeber im Boot. Ob sie das makaber fänden? Nunja, sie lächeln verlegen, irgendwie schon, aber dann auch wieder … Da! Am Ende der Straße ist ein weißer Lieferwagen aufgetaucht. Jetzt gilt alle Aufmerksamkeit ihm.

Wenig spektakulär ist das Bild, das sich bietet, als die Türen sich öffnen. Viel freie Fläche, eine Strickleiter, ein Ast. Geradezu entzückt zeigt sich darüber die Seminargruppe, die sich anders als die übrigen Anwesenden einen Reim auf die Installationszutaten machen kann. „Hey, super“, sagt Bruer, „ fehlt nur noch der Monolith“. Der Monolith, das ist in diesem Fall eine Betonsäule von Markus Hoffmann, die langsam, aber sicher von Pilzen in ihrem Inneren zerfressen wird. Der Laster brauche noch eine Stunde, kommt der Anruf vom hauseigenen, studentischen Logistik-Team. Noch sind Steinkoloss und Pilzbewohner auf der Autobahn. In scheinbar friedlicher Koexistenz.

Ihre größte Sorge? „Dass die Pilze vor der Vernissage durchbrechen“, sagt Tina. Das Stück ist eines ihrer Highlights, ein prominenter Platz ist ihm zugedacht, zu den vielen Gemälden bildet er einen wichtigen Kontrast. Im Großen und Ganzen jedoch habe sie ein gutes Gefühl. Das Team sei längst eingespielt.

Dass man mit Amateuren spricht, den Eindruck hat definitiv keiner, der sich kurz vor der Eröffnung von den Kuratoren durch den Bunker führen lässt. Hier hat ganz offensichtlich nicht nur der Bunker eine starke Entwicklung gemacht.

Bunker, Fichtestraße 6, Kreuzberg, Vernissage mit Performance heute 19 Uhr, die Ausstellung läuft vom 16. Juli - 22. August, Do-So 15-21 Uhr, der Eintritt ist frei, mehr Informationen unter www.offseason.de

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