Englische Geschäfte in Berlin : Nicht alles ist Essig

Die britische Küche ist mehr als Essig, Minzsauce und fettiges Frühstück. Freunde britischer Spezialitäten kommen in Berlin zunehmend auf ihre Kosten. Durch die Olympischen Spiele in London könnten es noch ein paar mehr werden.

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Im "Broken English" kommen Briten und Freunde britischer Produkte auf ihre Kosten. Foto: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
22.07.2012 22:17Im "Broken English" kommen Briten und Freunde britischer Produkte auf ihre Kosten.

Es riecht dezent süßlich, aromatisch, eine Mischung aus britischer Schokolade, schwarzem Tee und Seife. Unter den Füßen knarzen die Holzdielen des urigen Kreuzberger Geschäfts „Broken English“. Die aus Sheffield stammende Eigentümerin Dale Carr leitet drei Läden dieser Art in Berlin. „Ich wollte eigentlich nur einen Geschenkeladen machen“, erklärt sie, „aber kaum hatte ich den eröffnet, fragten die Leute nach Senfpulver, Baked Beans – und sogar nach Marmite!“ Marmite, das ist ein würziger vegetarischer Brotaufstrich, den man nur lieben oder hassen kann.

Tagesspiegel-Kolumnist Mark Espiner, der Londoner, der nach Berlin zog, liebt Marmite und beklagte sich, dass man in den Berliner Supermärkten keine englischen Lebensmittel finden könne. Doch dank „Broken English“ müssen die über 14 000 Britischstämmigen in Berlin nichts missen. Für den britisch geneigten Genießer – durch die erhöhte Aufmerksamkeit für Großbritannien wegen der Olympischen Spiele in London kommen vielleicht in diesen Tagen noch einige hinzu – gibt es in der Stadt verschiedenste kulinarische Zufluchtsorte. Und sie werden immer mehr. Im „Broken English“ stapeln sich etwa Teetassen jeglicher Couleur, englisches Dosenbier, klassische Krawatten und bunte Postkarten. Auch im Angebot: eine riesige Chipstüte, die 26 kleinere Päckchen beinhaltet und 10,50€ kostet.

1979 kam Carr nach Berlin und arbeitete für die britische Armee. 17 Jahre später machte sie sich dann mit„Broken English“ selbstständig. Die Heimat vermisst die 59-Jährige kaum noch – außer wenn es ums Essen geht. Carr grinst. Eisbein und Sauerkraut – so etwas verstehe sie einfach nicht. Sie gebe sich mit einer ordentlichen Portion Fish’n’Chips schon zufrieden. „Aber bitte mit Essig!“

Essig, Minzsauce, fettiges Frühstück – das verbindet man mit der britischen Küche. Der Londoner Jim Hudson nimmt die Essgewohnheiten seines Volkes allerdings in Schutz: „Viele Vorurteile sind einfach nicht mehr zeitgemäß“, in den vergangenen Jahren habe in England eine „food explosion“ rund um den Starkoch Jamie Oliver eine hochwertige Antwort auf globalisierte Esskultur gegeben. Hudson selbst will die Schokoladenseite der britischen Küche präsentieren: Gemeinsam mit seiner Frau ist der gelernte Bauingenieur Inhaber der Kreuzberger Backstube „Hudson’s“. An der Boppstraße winken Scones zum Nachmittagstee, Kekse und Kuchen als süße Versuchung.

Als die Hudsons vor drei Jahren mit dem Wohnmobil nach Berlin kamen, wollten sie eigentlich nur Urlaub machen. So wie viele Briten: Denn seit Jahren kommen die meisten Berlintouristen aus dem Vereinigten Königreich. Aber die Hudsons blieben, ihnen gefiel das im Vergleich zu London entspannte Leben in Berlin. Für eine Feier steuerten sie dann die Torten bei – und bekamen von den begeisterten Gästen gleich neue Aufträge. „Irgendwann mussten wir dann das Hobby zum Beruf machen“, sagt Hudson schulterzuckend. Mittlerweile gibt es auch englisches Frühstück und Sandwiches, die Hudsons haben mehrere Angestellte und für den Sonntagmorgen sollte besser ein Tisch reserviert werden.

Dieser Erfolg legt den Schluss nahe: Britisches Essen in Berlin kommt langsam in Mode. Ein weiteres Indiz dafür ist das Restaurant „East London“ am Mehringdamm, das die Deutsche Nadine Sauerzapfe im vergangenen Jahr eröffnet hat. Die 31-Jährige ist in der Welt herumgekommen und hat einige Zeit in England gelebt. „Dann fiel mir auf, dass man in Berlin einfach alles bekommt – außer britisches Essen.“ Sie habe Spaß an der Herausforderung gehabt, gibt Sauerzapfe zu. Ein Restaurant, das die mit Vorurteilen behaftete britische Küche präsentiere, errege nun mal Aufsehen. Die Inneneinrichtung ist im Gegensatz zum Retro-Charme bei „Hudson’s“ und „Broken English“ modern und schnörkellos. An langen Tischreihen lässt sich die zu gleichen Teilen deutsch-englisch gemischte Kundschaft Fish ’n’ Chips, englisches Frühstück und Beefburger schmecken. Die Besitzerin hat mit dem Restaurant Erfolg und ist optimistisch für die Zukunft. Lasst die Spiele beginnen!

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