Erinnerungsort : Pfarrer im Widerstand

30.06.2007 13:34 UhrVon Sven Scherz-Schade
Gardei Foto: Thilo Rückeis
Ort der Erinnerung. Marion Gardei (li.), Pfarrerin und Katja von Damaros, Kirchenrats-Vorsitzende, wollen in Dahlem über Niemöllers Leben informieren. - Foto: Thilo Rückeis

Ein "Gedenkort“ erinnert jetzt an Martin Niemöller. Der Geistliche war ein Gegner Hitlers.

Das Telefon ist schwarz und mit Wählscheibe. Den klobigen Hörer hat Martin Niemöller vor 70 Jahren an sein Ohr gepresst. Durch diesen Apparat hat er Gemeindemitgliedern Trost zugesprochen, die von den Nazis verfolgt wurden. Aber wahrscheinlich wusste er, dass er nie offen reden konnte, da das Telefon von der Gestapo abgehört wurde.

Martin Niemöller, der Pfarrer der evangelischen Dahlemer St. Annen-Gemeinde, gründete 1933 den „Pfarrernotbund“, nachdem die Nationalsozialisten auch bei Pfarrern einen „Ariernachweis“ verlangten, und wandte sich entschieden gegen Hitler. In der Küche des Pfarrhauses, dem einzigen Raum, der nicht abgehört wurde, kamen Mitglieder der Bekennenden Kirche zu konspirativen Sitzungen zusammen.

Die Bekennende Kirche hatte sich 1934 als Gegenbewegung zu den regimetreuen Deutschen Christen gegründet.

Niemöllers Telefon steht ab morgen in dem „Erinnerungsraum“, den die Gemeinde jetzt eingerichtet hat. Die Arbeitszimmer im ersten Stock des Pfarrhauses in der Pacelliallee sind zu einem kleinen Niemöller-„Museum“ geworden, in dem man sich ab Sonntag über Leben und Wirken des Theologen und Pazifisten ein Bild machen kann. Anlass ist der 70. Jahrestag der Verhaftung Niemöllers. Weil er in seinen Predigten den NS-Staat kritisierte, nahm ihn die Gestapo am 1. Juli 1937 fest und verschleppte ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen. „Wisst Ihr nicht, wes Geistes Kinder Ihr seid“, zitiert die bronzene Gedenktafel am Pfarrhaus einen Vers aus dem Lukas-Evangelium.

„Am Fenster stand sein Schreibtisch“, sagt Katja von Damaros, Mitglied im Gemeindekirchenrat von St. Annen. Von hier aus sah Niemöller auf die Kirche, wo täglich Fürbittgottesdienste für die von den Nazis Inhaftierten gehalten wurden. Das geistige Erbe des 1984 verstorbenen Niemöller ist in der Gemeinde lebendig geblieben. Das Pfarrhaus wird als „Friedenszentrum“ genutzt. Aber ein Ort, an dem man sich über Niemöllers Leben und Denken informieren konnte, fehlte. In der Gemeinde sorgt man sich, dass Jugendlichen der Name Niemöller immer weniger sagt. Das erlebe sie im Konfirmandenunterricht oft, sagt Marion Gardei, die Pfarrerin von St. Annen. Mit dem „Erinnerungsort“ will sie dem entgegenwirken. Ein richtiges „Museum“ sollte es aber nicht werden, denn das wünschte sich Niemöller selbst nie.

Niemöller Foto: dpa
Martin Niemöller, 1972. - Foto: dpa



Auf einem Bildschirm in der Ausstellung ziehen Schwarzweiß-Fotos vorüber. Man sieht Niemöllers Gesicht, wie er sich vom Bub mit den kessen Augen zum streng blickenden U-Boot-Kommandanten im Ersten Weltkrieg wandelt. Man sieht den jungen Theologen, der zunächst ein Anhänger der Nazis war und schließlich Niemöller mit eingefallenen Wangen, nachdem er das Konzentrationslager überstanden hatte.

„Wenn es um Politik ging, konnte Niemöller laut werden“, sagt Franz von Hammerstein. Er war 1937 Konfirmand bei Niemöller und erinnert sich, wie der Pfarrer nach den Gottesdiensten oft mit Gemeindemitgliedern ins Gespräch kam. Im Konfirmandenunterricht sei Politik aber kein Thema gewesen. „Wir mussten Kirchenlieder und Bibelverse auswendig lernen.“ Das habe ihm später im Gefängnis geholfen. Von Hammerstein wurde verhaftet, weil zwei seiner Brüder an der Vorbereitung des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Morgen wird er als Zeitzeuge über den Pfarrer Auskunft geben. Sven Scherz-Schade

Morgen um 11 Uhr wird der Gedenkort mit einem Gottesdienst in St. Annen eröffnet, Pacelliallee 61, Dahlem. Ab 13.30 Uhr kann man mit Zeitzeugen sprechen. 15.30 Uhr Schlusskonzert. Besuch im Gedenkort nur nach Anmeldung unter Tel. 841 70 50 oder per E-Mail gedenkort@kg-dahlem.de

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