Espiners Abschied : Kulturcheck- ein Londoner testet Berlin, heute: Alles hat ein Ende, auch die Wurst?

Das Berlin-Experiment: Der Londoner Journalist Mark Espiner war zwei Wochen lang zu Besuch beim Tagesspiegel und hat jeden Tag Berliner Kulturereignisse besprochen. In der letzten Folge schaut er zurück auf seine Zeit in Berlin.

Mark Espiner
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Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Kennen Sie das? Wenn Sie trainiert haben, vielleicht ein bisschen härter als gut gewesen wäre, und danach Ihre Muskeln schmerzen? Ich glaube, das deutsche Wort dafür, ist “Muskelkater”. Also, nachdem ich meinen Kultur-Marathon in Ihrer Hauptstadt gelaufen bin, habe ich nach der ganzen Stimulation eine Art von “Muskelkater” in meinem Gehirn.

Und nicht nur im Gehirn. Dieser Marathon war auch physisch fordernd. Meine Schultern, Beine, mein Körper und Geist haben sich gut und wahrlich ausgedehnt durch meine zweiwöchigen Berlin-Erfahrungen. Ich bin vom Wedding zur Friedrichstraße gelaufen, um ein modernes Tanzstück zu sehen, das die ganze Nacht lief, und ich feierte in den frühen Morgenstunden zu den Klängen von Shantels Gypsy Brass Band. Ich hab mir die Hacken abgelaufen auf den Berliner Straßen.

Punk und Beethoven

Ich habe, mit meinem schlechten Deutsch, die Texte amerikanischer Punksongs für Ost-Berliner Taxifahrer übersetzt, während ich von einem pakistanischen Konzert zur Warschauer Brücke hetzte, um die Massen der jungen Leute zu beobachten, die dort auf ihrem Weg in die Clubs vorbeieilten.

Ich habe in mörderischer Lautstärke Beethoven im Berghain gehört, wurde tief berührt von einem türkischen Film mit Untertiteln in Kreuzberg, habe mit einigen Metzgern gesprochen, einer davon ein Ritter der Wurstmacherei, habe die freundliche Rivalität zwischen den Berliner Türken und den Hertha-Fans beobachtet und – obwohl ich nicht darüber geschrieben habe - hatte ich auch einige leckere Döner.

Kleine Stadt, große Vision

Aber was habe ich gelernt? Ich habe gelernt, dass Ihre Stadt, verglichen mit London, klein erscheint, aber eine große Vision hat. Dass die verschiedensten Menschen – besonders Künstler – sich hier versammeln. Dass hier eine bestimmte Art von Freiheit geschätzt wird, Kreativität gedeiht und auch wenn die Berliner feste Vorstellungen von den Dingen haben, so haben sie auch eine sanfte, manchmal versteckte Freundlichkeit.

Außerdem sind sie nicht in der Lage, ihre Hunde zu kontrollieren.

Während ich in Londons hellem Sonnenlicht und einem schwarzen Taxi vom Bahnhof Paddington nach Hause eilte, immer den roten Bussen ausweichend, dachte ich an die Currywurst (ohne Darm), die ich gegessen hatte (ich werde Ihnen nicht sagen wo, damit ich keinen Glaubenskrieg anzettele). Das war das Letzte, was ich in Berlin getan habe.

Matthias Koeppel schickt ein Buch

Der Maler und Dichter Matthias Koeppel, der mir ein herrliches Buch mit Wurstgedichten schickte, sagt, dass "Wurst" das stärkste und schönste Wort der deutschen Sprache ist. Das kann ich nicht beurteilen. Aber der Geschmack der raffiniert durchmischten, stolzen, ungeschönten und befriedigenden Mahlzeit schien für einen Moment ganz Berlin zusammenzufassen.

Am Schluss muss ich noch sagen, dass ich das alles nicht ohne Sie hätte machen können. Ihre freundlichen E-Mails und freundlichsten Kommentare, Ihre Vorschläge und Tipps und Ihre Beobachtungen haben mir geholfen, Ihre Stadt zu entschlüsseln und mit meiner eigenen zu vergleichen. Danke für alles! Hat Spaß gemacht, oder? Aber alle guten Dinge haben eine Ende – mit Ausnahme der Wurst, natürlich, die davon zwei hat.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Honert.

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