Espiners Berlin : Berlin liebt dich nicht

Der britische Wahlberliner Mark Espiner erkundet Berlin - mit Hilfe seiner Leser. Diesmal will er etwas unternehmen, um Neukölln wirklich zu verstehen. Dabei stößt er auf einen Doktor, der gar keiner ist.

Mark Espiner
Espiner
Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Berlin liebt dich nicht. Obwohl, was der Aufkleber außerhalb meines Hauses wirklich sagte, war, dass Berlin dich nicht „herzt“. Wie auch immer. Die Nachricht war deutlich. Sehen Sie selbst.

Nachdem der Sticker ein paar Tage nach dem eingeritzten Hakenkreuz auftauchte, fühlte ich mich etwas paranoid. Konnte es wirklich sein, dass die Stadt, mit deren Adoption ich ein Risiko eingegangen bin, mich nicht „herzte“?

Es war beunruhigend, vor allem weil ich gerade zu meiner Neukölln-Expedition aufbrechen wollte. Ich beschloss, die Hass-Aufkleber zu ignorieren und trotzdem mit der Erforschung meiner neuen Stadt fortzufahren. Bei meiner späteren Taxifahrt plauderte ich mit dem türkischen Fahrer. „Was muss ich tun, um Neukölln wirklich zu verstehen?“, fragte ich ihn. „Neukölln?“, wiederholte er, „Wenn Sie nach Neukölln gehen wollen, müssen Sie mit Doktor Billy sprechen.“ Ich versicherte ihm, dass ich nicht krank wäre. Dr. Billy, sagte er, betreibt einen Laden in der Wipper Straße. Er ist kein Doktor, aber jeder nennt ihn so. „Ein bisschen wie Guttenberg?“, fragte ich. Dr. Billy, erzählte er weiter, kennt das Herz und die Seele von Neukölln. Er griff nach seinem Handy, wählte seine Nummer, sprach auf Türkisch und hing auf. Ruf ihn an, er erwartet Dich, sagte er und schrieb seine Nummer auf. Ich stopfte sie in meine Jackentasche.

Ein paar Tage später kam die Nachricht. Diese Xenophobie war nicht nur eine Aufkleberslogankampagne, sie war wirklich. Die Bürger Kreuzbergs hatten genug davon, ein Zoo zu sein und wollten keine fremden Besucher mehr. Wie alle guten Kreuzberger demonstrierten sie dagegen. Zur gleiche Zeit hoben die Neuköllner ihre Stimmen an zur Anti-Gentrifizierung und beschuldigten die Fremden, die Mieten in die Höhe zu treiben. Gottseidank gab es auch Gegenstimmen – inklusive Joel Alas, der hier im Tagesspiegel brilliant aufgezeigt hat, dass die Wurzeln dieser Veränderungen in politischen Entscheidungen liegen und dass niemand behaupten kann, sie „wären hier zuerst“ gewesen.

Aber dieses Video, angefertigt vom Besitzer des Freien Neukölln, eine hippe Grunge-Bar in Neuköllns Pannierstraße, schien sehr aggressiv. Oder war es ironisch? Oder nur eine Werbekampagne? Schwer zu sagen. Seine Warnung ließ mich jedoch zweimal nachdenken. „You stomp our borough to death... You are and will ever be tourists... Have fun, but be on the alert.“ Musste ich mich also um meine Sicherheit sorgen, wenn ich nach Neukölln ging und vielleicht meinen britischen Akzent zur Schau stellte?

„In dieser Straße sind ehemalige Bordelle nun schicke Bars“, sagt Marc, ein Anwohner, der mir angeboten hatte, mich durch Neukölln zu führen. Es war Nacht. Ich bemerkte, wie niedrig die Straßenbeleuchtung war und wie anders dies im Gegensatz zu London war, in dem greller Natriumschein die Straßen flutet. Hier hingegen scheint es fast so, also ob ein Lichtdesigner die Lampen gedimmt hätte, damit die Bars und Schaufenster wundervoll schimmern und die Leute in deren Schatten abhängen können. „Sind wir in Kreuzkölln oder Neukölln?“, fragte ich. Die Frau, die ein paar Schritte vor uns lief, mit ihrem unangeleinten Hund, hielt an. Drehte sich um. „Das ist Neukölln“, sagte sie. „Neukölln.“ Es war an der Grenze des Aggressiven. Dann lief sie weiter.

Es war nun an der Zeit, in die Höhle des Löwen zu gehen: Freies Neukölln. Der Besitzer war nicht da. Vielleicht war er ja in Freiburg, die Stadt seiner Herkunft, also sprach ich mit dem Barmann, der nicht die Gefühle seines Chefs teilte. Er lebte für eine Weile in London und fand es toll, neue Leute in der Gegend zu sehen. Was, so dachte ich, eine gute Sache sei, denn die meisten davon schienen in dieser Bar zu trinken.

Das Gift, gleich die Straße runter, fühlte sich an wie ein britischer Pub und wird von zwei Glasgowern, einem britischen Künstler und Sinisa, ein in Serbien geborener Besitzer eines britischen Passes betrieben. Ich versuchte dort etwas von der Stimmung einzufangen. „Ich bin vielleicht Teil des Problems“, sagte Sinisa, und erkannte an, dass Gentrifizierung durch einen Zustrom an neuen Leuten wie ihm zustande käme. Aber er und seine Partner wollten einen Ort schaffen, der ein Gemeinschaftsgefühl hatte und sich mit dem verband, was schon vorher dort war. Wir sprachen darüber, dass er einen Bürgertest bestehen musste um britisch zu werden.

Er fragte mich, wann denn St Andrew’s day wäre. Ich konnte dies nicht beantworten. Ich hätte den Test so nicht bestanden, sagte er. Vielleicht sollte es ja auch einen Neukölln-Bürgertest geben, der darüber entscheidet, wer hier leben darf, schlug ich vor – wer war der Architekt des Rathauses und des Stadtbades, und so ein Zeug. Das Stadtbad. Natürlich! Ich war noch nicht dort, aber so viele von Ihnen haben es mir als Neuköllner Wahrzeichen empfohlen. Die perfekte Art, mich von der Xenophobie zu reinigen, dachte ich.

Ich ging am nächsten Tag hin und traf sofort auf eine kulturelle Schwelle, bei der mich meine britische Schüchternheit zum Einzigen mit Badehose in der Sauna machte. Letztendlich nahm ich allen Mut zusammen, schloss mich der FKK an (mit einem Handtuch) und verließ die Sauna befreit durch das entspannende Ambiente, gereinigt und vielleicht ein bisschen mehr deutsch-integriert. Das sollte wirklich Teil eines Neukölln-Tests sein, dachte ich, auf diese Art wird es so offenkundig ersichtlich, dass wir alle gar nicht so verschieden sind.

Als ich meine Klamotten wieder anzog, fand ich Dr. Billys Telefonnumer zerknüllt ganz unten in meiner Jackentasche. Ich wählte die Nummer. Er hatte meinen Anruf bereits erwartet. Komme und treffe mich in meinem Laden, sagte er.

„Dr. Billy Pflegestation“, heißt es auf dem Schild vor der Tür. Seine Kunden gaben Bulent Yorulmaz diesen Spitznamen. „Sie sind meine Patienten“, sagt er lachend und sie nennen ihn Doktor, weil er eine Antwort auf jede Frage hat. Sie wählten ihn wahrscheinlich auch, als er sich 2009 zur Bundestagswahl aufstellen ließ mit seiner, wie er es nennt, WIN Liste (Wir In Neukölln). Er hat in diesem Bezirk 37 seiner 41 Lebensjahre verbracht, aber er wird, so sagt er, irgendwann wieder in die Türkei zurückkehren.

Er zeigte mir einen privaten Raum, in dem sich Freunde treffen und unterhalten und zusammen ein Bier trinken können. Eine alte Frau. Ein jüngeres Pärchen. Ein bulgarischer Arbeiter. Es war keine schicke Neuköllner Bar, aber es war, was es sein sollte – ein Gemeindeservice. Er bot mir einen Kaffee an und grüßte die beiden Bulgarier, die gerade hereinkamen, um ein Bier zu kaufen. „Viele Bulgarier sind hierher gezogen“, sagte er. Was also, fragte ich ihn, denke er über die „Outsider“, die sich hier in Neukölln niederlassen? „Es ist besser, wenn die Leute kommen! Es ist keineswegs eine negative Sache, es ist nur gut, dass sie kommen“, sagt er. Aber was mit den Mietproblemen? Die steigenden Preise? Ja, das ist ein Problem, antwortete er, aber nicht in der Art, wie viele sonst davon reden. Er erklärte, dass die Wohnungsbesitzer höhere Mieten von den Bulgariern verlangen, da sie wissen, dass diese sich nicht beschweren – weil es sonst herauskäme, dass sie illegal hier sind.

Das wirkliche Problem in Neukölln ist nicht die Gentrifizierung, sagt er. Es sind die Drogen. Der Heroinhandel, die Drogendealer, die Kriminalität. Und obwohl er ein Doktor ist mit einer Antwort auf Alles- ist dies etwas, das sogar er nicht sofort heilen kann.

Vielen Dank an all diejenigen, die mir ihre Neukölln-Tipps geschickt haben.

Sie können Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com oder ihm auf Twitter folgen @DeutschMarkUK.

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