Espiners Berlin : Berliner Hundestyle

Warum überhaupt einen Hund in der Stadt? Wozu Regeln, die ohnehin keinen Halter interessieren? Der britische Neu-Berliner Mark Espiner wundert sich über die weit verbreitete Hundeliebe.

Mark Espiner
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Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Auf meinem Weg zurück vom Flughafen sah ich etwas Seltsames. Ein Mann, schätzungsweise 65 Jahre alt, und seine Frau stiegen in den Zug ein. Er trug etwas, das so aussah wie deren wertvollster Besitz. Aus dem einen Ende einer edlen Ledertasche steckte ein hübsches, kleines Hundegesicht heraus. Ich bin kein Experte bei Hunderassen, aber es war eine dieser Miniaturen – Sie wissen schon, die Sorte, die Paris Hilton auf ihrem Arm hat.

Der Mann liebte seinen Hund so sehr, dass der neben ihm saß (in der Tasche), während seine Frau artig den Sitz hinter ihm einnahm.

Das brachte mich dazu, über die Hunde in Berlin nachzudenken – die Stadt mit der höchsten Hundedichte in Europa.

Keine Sorge, ich werde mich nun nicht über die circa 55 Tonnen Hundescheiße, die täglich auf ihre Stadt plumpsen, beschweren. Nein, ich möchte nur diese Haustier-Verwöhn-Hundeliebe hervorheben, die ich hier beobachte. Ich schwöre, dass ich noch nie so viele Hunde in Jäckchen gesehen habe, wie zu dieser Schneesaison. Und ein oder zwei Jacken sahen eleganter aus, als meine eigene. Ich habe ein paar Hunde sich entspannen sehen, in Bars und Restaurants – natürlich immer unangeleint im Berliner Hundestyle. Katzen scheinen hier fast unsichtbar zu sein. Die einzige, die ich bisher gesehen habe, war in Clärchen’s Ballhaus. Vielleicht ist das so, weil es so viele Hunde gibt ...

Es war jedenfalls nicht nur CCTV, das mich von Großbritannien vertrieb. Hunde haben auch ihre Rolle gespielt. In den letzten paar Jahren gab es eine immer größer werdende Zahl an Weapon Dogs, wie wir diese Hunde bezeichnen. Sie nennen sie hier Kampfhunde. Immer öfter hörte man Geschichten über Kinder, die von einem Hund angegriffen und getötet wurden. Manche behaupten, dass es zum Risiko geworden ist, in einer britischen Innenstadt zu wohnen.

In den raueren Bezirken gelten sie als Statussymbol. Die, die sie besitzen, oder den Besitz anstreben, stellen eine unglaubliche Kenntnis der Züchtungen und ihrer Kampfkraft zur Schau, und sind bereit, viel Geld für einen Welpen auszugeben. Manchmal bis zu £350. Sie umgehen das Gesetz, das spezielle Züchtungen verbietet, indem sie die Züchtungen mit legalen Rassen kombinieren.

Und sie trainieren sie. Die Bäume in Londoner Parks zeigen ihre Zeichen, wo Hunde sie zerfleischt haben und deren Besitzer sie dazu anfeuern, ihre Kiefer an den Ästen festzuklammern, um diese noch kräftiger zu machen. Und all das um sich “Respekt” zu verschaffen – der gleiche Grund, weswegen sie auch Messer und Schusswaffen tragen. Und die Hunde werden als Waffen benutzt, wortwörtlich. Es gab erst kürzlich den Fall, bei dem Hunde auf das Opfer angesetzt wurden, das dann erstochen wurde.

Das Resultat ist, dass ein Spaziergang in manchem Londoner Park nicht das entspannende Vergnügen ist, das es eigentlich sein sollte. Mit unangeleinten Kampfhunden muss man sein Kind anstelle derer an der Leine haben, oder sehr nah dabei sein um das Risiko eines Angriffs zu vermeiden. Den Hundehalter zum Anleinen zu bitten, ist ebenfalls gefährlich. Das kann zu einem Bombardement aus Beschimpfungen führen, oder schlimmer, dass sie den Hund auf dich ansetzen. Und das kann schrecklichen Schaden anrichten. Eine Frau musste ihren Arm amputieren lassen, nachdem sie schwer attackiert wurde.

Ich habe fast keine Kampfhunde gesehen, als ich nach Berlin kam. Liegt das nur an mir, oder züchten sie hier auch? Gibt es in Berlin auch ein Streben nach Respekt (auch bekannt als Einschüchterung) von denjenigen, die sich darum betrogen fühlen, wie in London?

Aber das Problem sind nicht nur die Kampfhunde. Persönlich gesehen kann ich keinen Grund dafür finden, überhaupt einen Hund in der Stadt zu haben. Das sind keine Stadttiere. Ich würde nicht für ein Verbot plädieren – das wäre etwas zu stark – aber etwas mehr Rücksicht auf Nichthundebesitzer wäre schön.

Es scheint mir, als ob die meisten der Berliner Hundeliebhaber ihre Haustiere mit einem höheren Status versehen als Menschen. Klar, es gibt überall Schilder, die verlangen, den Hund an der Leine zu haben, aber ich sehe das nur selten, wenn überhaupt, befolgt. Die Freiheit, in einem Park spazieren zu gehen, ohne dass man angesprungen  wird, beschnüffelt wird, aufpassen muss, dass sein Kind keine Hundescheiße isst oder von deren Produzenten gebissen wird, scheint überhaupt nicht geachtet zu werden.

Warum, frage ich, beschäftigen Sie sich überhaupt noch mit Hunde-Regeln? Es kümmert sich scheinbar sowieso niemand darum. Alle Hunde im öffentlichen Nahverkehr sollten einen Maulkorb tragen – sogar Chihuahuas. Das macht den Mann vom Zug und seine Frau zu Rentner-Rebellen. Ok, das ist vielleicht etwas albern. Keiner wird wohl von einem Pudel zerfleischt werden. Aber etwas mehr Hundezurückhaltung würde sicher sehr gut ankommen.

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