Espiners Berlin : Berliner Vollblutdemonstranten

So eine Hitze hat der britische Wahlberliner Mark Espiner noch nicht erlebt. Bei Temperaturen zwischen 37 und 40 Grad - je nach Stadtteil - tut Abkühlung not. Sollte man meinen. Aber was machen die Berliner: Sie demonstrieren.

Mark Espiner
Blick in die neue Heimat. Der Brite Mark Espiner erkundet Berlin.
Blick in die neue Heimat. Der Brite Mark Espiner erkundet Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Es hängt natürlich davon ab, wo man in dieser Stadt wohnt. Aber es ist, ohne Zweifel, glühend heiß, ganz egal wo man sich befindet. Wer auch immer mir gesagt hat, dass Berlin zwei Jahreszeiten hat, hatte recht. Und dieser Sommer ist kein Sommer, wie ich ihn kenne. Aufgrund einer seltsamen meteorologischen Eigenart (man könnte es auch die Umkehrung des Kalten Krieges nennen), war es am Wochenende in Charlottenburg (40 Grad) heißer als in Prenzlauer Berg (37 Grad). Ich blieb am Alexanderplatz, an dem es sengende 38 Grad hatte. Es fühlte sich an wie Athen. Und das eher ungewöhnliche Begehren nach gegrillter Krake in manchen Vierteln trug dann noch zu der ganzen mediterranen Stimmung bei.

Was kann man in solch einer Hitze machen? Nun, wenn man Berliner ist, offensichtlich, geht man auf die Straße zum Demonstrieren. Einer der "Vorteile" des Wohnorts beim Roten Rathaus am Alexanderplatz ist, dass die meisten Demos hier Halt machen. Und als ich den Sound von pumpender, lauter Musik hörte, der von der Straße durch mein Fenster aufstieg, dachte ich, dass ich doch besser mal nachschauen sollte, worum der ganze Lärm war, trotz der Temperaturen.

Unten bei den Absperrungen fragte ich einen Polizisten, was hier los wäre. Nachdem er sich von dem Schock erholt hatte, dass ihm eine Frage gestellt wurde und er seine eher kampfbereite Ausstrahlung verloren hatte, sagte er mir, dass die Demo von den Linken organisiert wurde (falsch) und gegen die Mediaspree war (richtig, aber leider und zu meiner Schande, wusste ich noch gar nichts davon).

Also habe ich etwas herumgesucht, mit ein paar Leuten gesprochen und war im Internet unterwegs wegen dieser Mediaspree. Oh nein. Wieder ein Bebauungsdisaster, das ein paar Leute reich macht, während es das Herz und Gefühl eines Stadtteils herausreißt. Und es scheint wohl von Politikern unterstützt zu sein, die normalerweise gegen solche Vorhaben sind.

Dies erinnerte mich an London, mit seinen bösartigen Immobiliengeschäften und speziell an die Nachricht, dass die wunderbaren alten Stallgebäude des Camden Market abgerissen und durch gläserne Kettenläden ersetzt werden sollen. Ein Kettenläden-Massaker sozusagen. Die Anwohner kämpfen hart um den Erhalt des Charakters dieses Ortes, waren aber nur teilweise erfolgreich. Wenn Sie also nun Camden Market besuchen sollten, denken Sie wohl, dass Sie den Echten zu sehen bekommen, aber eigentlich ist er nur ein Schatten seines früheren Selbst.

Doch diese Mediaspree-Sache ist noch schlimmer, denn es ist geplant, die Berliner Spree-los zu machen und sie ihres Flussufers zu berauben. Am Wasser entlang zu laufen sollte eigentlich ein Bürgerrecht sein. Man kann dies fast für die ganze Länge der Themse tun, sogar direkt vor den top-geheimen Gebäuden der MI6. Der Anti-Mediaspree-Fall war also wert, gefochten zu werden, dachte ich. Vielleicht nur nicht bei 38 Grad Hitze. Ich schaffte es, mich davon zu überzeugen, dass es okay ist, auf die nächste Demo zu warten. Ganz klar, dass ich noch kein Berliner Vollblutdemonstrant war.

Und ich musste mich immer noch abkühlen.

Ich beschwerte mich schon seit einer ganzen Weile darüber, dass die Berliner Parks nicht wirklich offene Flächen sind. Zu viele Bäume. Man kann den Himmel nicht sehen. Man fühlt sich eingeschlossen. Nun weiß ich, warum. Der Schatten. Vielen Dank an all die Nachkriegs-Parkplaner, für die Pflanzung dieser Bäume und den Schatten, den sie spenden, wenn man in dieser unerbittlichen Sonne spazieren geht. Ich beschloss also, mich bei einem Bummel durch den Englischen Garten des Tiergartens abzukühlen. Ganz aus Neugierde, um zu sehen, wie englisch er wirklich war. Und in der Tat erinnerte er mich an Zuhause. Als ich später durch das nahegelegene Hansaviertel wanderte, hielt ich an, um mich mit einem älteren Paar zu unterhalten, die gerade Rosen schnitten und den Garten gossen. Wie englisch! Sie lieben es, dort zu wohnen und erklärten mir mit einem Augenzwinkern, dass Kevin Costner gerade das Haus am Ende der Straße gekauft hatte. Oh nein.

Noch mehr Gentrifizierung. Man kann dem nicht entkommen. Ich werde wohl auch noch allergisch dagegen, genauso wie Sie. Aber dann dachte ich: bin ich und die ganze Flotte Englischsprachiger auch ein Teil des Problems? Doch diese Frage war eindeutig zu schwierig, um bei so einer Hitze geklärt zu werden. Ich brauchte Eis. Irgendwelche Vorschläge, wo man das Beste in der Stadt bekommt? Ich muss es noch finden...

Sie können Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com oder ihm auf Twitter @DeutschmarkUK folgen. 

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