Espiners Berlin : Bis zur AB Zonengrenze - und darüber hinaus

Es scheint, als bräuchte Berlin gar keine Terrordrohungen um zum Stillstand zu kommen. Nur ein bisschen Schnee. Mark Espiner über den öffentlichen Nahverkehr in der Hauptstadt.

Mark Espiner
Espiner Foto: Thilo Rückeis
Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Zugegeben, der weiße Überzug von letzter Woche glich eher einem Schneesturm als einer dünnen Puderschicht. Die weißen Flocken stoppten die S-Bahn und schlimmer noch, hielten die Flugzeuge am Boden des Schönefelder Flughafens. Meine Schwester aus England wollte sich eigentlich die Weihnachtsmärkte und Berlin ansehen, zum ersten Mal, mit mir als Tourguide (bitte nicht lachen). Aber der Flughafen hatte kein Enteisungsmittel mehr, so dass EasyJet (oder sollte es eher IcyJet sein?) den Flug absagte.

Etwas Schnee bringt in England so ziemlich alles zum Stillstand, was ich hier eigentlich nicht erwartet hätte. Hätte es geklappt, dann hätte ich sie am Flughafen getroffen und wäre mit ihr in dem schnellen, tollen und günstigen Shuttle-Zug zurückgefahren. Es ist wichtig, die Berliner daran zu erinnern, dass die Fahrt von Schönefeld ins Zentrum der Stadt nur 2.80€ kostet. Vergleichen Sie das mit London, wo man für so eine Fahrt von einem der Flughäfen oft 15€ oder mehr bezahlt. Und hier bekommen Sie noch diese wunderbare, wenn auch surreale, DB-Fanfare bei jedem Halt dazu. Ich bat meinen Musik-Freund Dorian von dieser Band, mich daran zu erinnern, wie sie klingt. Er wies mich darauf hin, dass es davon tatsächlich zwei gibt. Klicken Sie hier, um beide anzuhören (bitte entschuldigen Sie die Wiedergabequalität). Aber seien Sie gewarnt, das sind Ohrwürmer. Weiss eigentlich jemand von Ihnen, wer diese Jingles komponiert hat? Das würde ich sehr gerne erfahren.

Da wir nun schon mal beim Thema öffentlicher Nahverkehr sind, fühle ich mich auch dazu verpflichtet, ein paar positive Dinge dazu zu sagen. Mein Ex-Pat Freund Dave, der schon seit über 20 Jahren in Berlin lebt, sagt, dass einer der Vorteile dieser Stadt der wirklich gut funktionierende öffentliche Nahverkehr ist. Er ist ein Fan davon und ich bin es auch. 

Ich fühle mich wirklich zuhause in Ihren Bussen. Vielleicht ist das so, da die Busse in London und Berlin dieselben sind – hergestellt von der gleichen deutschen Firma natürlich (die nicht weniger als Mercedes als Mutterkonzern hat). Die deutschen biegbaren Busse (bendy busses) verursachten einen öffentlichen Aufschrei, als sie die berühmten Routemaster Doppeldeckerbusse ablösten. Und wenn ich nun in einem scheinbar neuen Londoner Bendy Bus durch Berlin fahre, bekomme ich ein desorientierendes Deja-Vu-Gefühl. Gottseidank sind die Busse nicht rot hier, das würde mich dann völlig verwirren.

Ich habe gerade satte 558€ für ein Jahres-Umweltabo ausgegeben. Das war meine Reaktion auf die Panik, die ich während mehreren riskanten U-Bahn-Fahrten ohne Fahrschein hatte. Ich habe nicht absichtlich die Regeln missachtet. Oft war ich nur so in Eile, dass die Ticketautomaten einfach zu langsam waren; während der Zug einfuhr und wieder abfuhr, waren diese immer noch am Drucken der Fahrscheine. Und dann gab es manchmal nur eine Entwertungsmaschine – oft am anderen Ende des Bahnsteigs

Immer wenn ich ohne Fahrschein unterwegs war, hatte ich Angst, die Ticket-Stasi würde mich fassen. Gottseidank ist das nie geschehen. Ironischerweise hatten es, seit ich mein Abo besitze, die Kontrolleure schon dreimal in nur einem Monat auf mich abgesehen, mit ihrer üblichen Überraschungstaktik. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Typen mag. Ich weiss, sie machen nur ihren Job, aber es scheint so, als würden sie es richtig geniessen, aus ihrer Verkleidung zu schlüpfen und dann die Fahrscheine sehen zu wollen. Und es scheint auch, dass sie es ebenso mehr geniessen, wenn sie jemanden ertappen und bloßstellen können. Denken Sie nicht, dass die Kontrolleure eine Art Uniform tragen sollten, nicht Böhse Onkelz Anstecker und verschlampte Turnschuhe, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben? In der Tat, warum haben sie nicht ihre eigene Fanfare um zu signalisieren, dass sie gerade den Wagen betreten haben, so wie die Fanfare, die ich schon vorher erwähnt habe, diesmal auf Youtube, nach 53 Sekunden. Warum senden Sie mir nicht Ihre eigenen musikalischen Vorschläge für die ultimative Kontrolleursfanfare? Ich vergebe einen Preis an die Beste.

In London vermeiden wir die Ticketinspektoren mit den Oysterkarten. Es ist ein vorab bezahltes elektronisches Ticket, das man zum Öffnen der Schranken an den Stationen benutzt. Die Oyster Card jedoch gibt einem zwar die Illusion der Freiheit, ist aber noch viel Stasi-ähnlicher. Sie registriert jede Fahrt, die man macht und speichert diese Information in einer riesigen Datenbank. Und dadurch wurden natürlich auch die Schranken an den U-Bahn Stationen unverzichtbar. Einer der Aspekte, warum ich die Berliner U-Bahn mag, ist auch, dass man solche Einschränkungen nicht hat. Man läuft einfach hinein, ohne automatische Schranken manövrieren zu müssen. Sie ist weniger reglementiert, weniger eine Abfertigung. 

Die Berliner U-Bahnwagen sind auch freier – viel großzügiger als die Londoner, auch wenn hier nie so viel Andrang ist. Dieses Bild ist keine Übertreibung dessen, wie es in einer Londoner U-Bahn zugehen kann. Wenn man dort überhaupt einen Sitzplatz bekommt, dann hat man zwischendrin Armlehnen, die es zu einer echten Quetscherei für etwas fülligere Londoner machen und die zudem die Reisenden voneinander abtrennen. Keine Armlehnen jedoch für Sie hier. Sie Berliner mögen es vielleicht, etwas gemütlicher zu sitzen als wir und sich aneinander zu kuscheln, oder Sie verhandeln Ihren eigenen Platz mit Ihrer unnachahmlichen Höflichkeit.

Jetzt hab ich also mein Abo und möchte es auch nutzen. Ich möchte alle Bus, Tram, U-Bahn und S-Bahn Strecken abfahren, bis hin zur AB Zonengrenze, vielleicht sogar darüber hinaus ... Mir gefallt der Klang von Krumme Lanke, Wuhlheide oder Zitadelle. Andere Vorschläge?

Sie können Mark Espiner emailen unter mark@espiner.com oder ihm auf Twitter folgen @DeutschMarkUK. 

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