Espiners Berlin : Schneeblues und Bakterienkunst

Ich habe mir Berlin genau angeguckt und seine mikroskopische Schönheit entdeckt.

Mark Espiner
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Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Entschuldigung für die Stille. Nach Silvesters fast tödlicher Feuerwerks-”schau” bin ich erst einmal für zwei Wochen nach London abgehaut um mich zu erholen – und habe dem Guardian meine kulturellen Untersuchungsergebnisse mitgeteilt.

 

Überraschenderweise scheint London in Sachen Schnee Berlin zu kopieren. Haben Sie letzte Woche dieses Foto von Großbritannien gesehen?

 

Berlins Straßen sind ziemlich rutschig und heimtückisch – und die Bevölkerung scheint eher ungewillt zu sein, sie sicher zu machen. Schnee ist, da stimme ich zu, Spaß ... in Grenzen. Was ihn jedoch wirklich unerträglich macht, ist die Tatsache, dass Schlitten komplett ausverkauft sind in dieser Stadt. Und dass es keine Hügel gibt.

 

Hier bin ich nun, ein Engländer, der stereotypisch über das Wetter spricht. Genug.

 

Weiter mit eher erhabenen – und kontroversen - Themen.

 

Während meiner Suche nach versteckten und geheimen Plätzen Berlins bekam ich einen großartigen Tipp der in Berlin arbeitenden Künstlerin Sabine Kacunko. Für ihre ansprechenden jüngsten Arbeiten wurde ihr ein Raum im Charite Krankenhaus in der Dorotheenstraße zur Verfügung gestellt.

 

Sabine Kacunkos Fotos sind sachlich und faszinierend. Schwarzweiß und wunderschön beleuchtet erinnern sie an Karl Blossfeldts Arbeiten und sie spiegeln Kacunkos Faszination von Leben und Verfall wider.

 

In einer fast anarchistischen, jedoch gleichzeitig typischen Geste, hat Kacunko nun beschlossen, die Negative ihrer Arbeit zu zerstören, und sie hat es kunstvoll gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Bakteriologen Professor Krumbein hat sie Bakterien auf ihren Negativen herangezüchtet und diese dann unter ein Mikroskop gehalten. Sie beobachtet hierbei, wie die Bakterien die Gelatinoberfläche des Negativs eines Schädels zerfressen. Das daraus resultierende Ergebnis sieht einem Gehirn beängstigend ähnlich. Sie hat diese Bilder direkt an eine Galerie in Seoul übertragen, aber Sie haben die Möglichkeit, diese im Frühjahr in Berlin zu sehen.

 

Sie macht dies am richtigen Ort, denn das Gebäude von 1877 ist in der Bakteriologie weltbekannt. Hier hat Robert Koch den Tuberculosis Bacillus entdeckt, verantwortlich für TB.

 

Die im Krieg beschädigte Charite ist wie eine Zeitmaschine. Man fühlt sich um ein Jahrhundert zurückversetzt, wenn man durch ihre Türen geht. Da ist der Raum, scheinbar unberührt, in dem Koch seine Bibliothek hatte, die Regale immer noch bestückt mit staubigen Wälzern. Und dann der fantastische Vorlesungssaal mit Bänken aus dunklem Holz und einer Glasdecke – anscheinend der erste, der visuelle Technik verwendete, von Zeiss zur Verfügung gestellt – eine Art old-school Powerpoint-Raum.

 

Diese altertümlichen Plätze kollidieren mit schicken, sterilen Räumen, in denen mikroskopische Forschung immer noch stattfindet. Bis jetzt.

 

Traurigerweise war die Charite gezwungen, dieses historische Gebäude zu verkaufen, um ihre finanzielle Lage auszugleichen und um die Restauration des Medizinhistorischen Museums zu bezahlen. Und nun raten Sie mal? Es ist ein englisches Unternehmen, das dieses Gebäude erworben hat.

 

Das ist schade. Schade, dass Sie so ein Kultur- und Geschichtsdenkmal an ein anderes Land verkaufen mussten. Ich wette, Sie wussten das nicht einmal. Und das Unternehmen, das es gekauft hat, heißt Arcadia. Dieser Name klingt eher nach Property Developer – eine Berufssparte, die es momentan sehr gut hat in Berlin.

 

Was wird also nun aus diesem historischen Gebäude? Ein Apartmenthaus? Ein Nachtclub?

 

Gottseidank enthüllten Nachforschungen, dass Arcadia eine gemeinnützige Stiftung ist, finanziert von den Millionären, die ihr Vermögen Tetrapack zu verdanken haben.

 

Betrachtet man ihre Erfolgsgeschichte, wird ohne Zweifel sichergestellt sein, dass das Gebäude teilweise, wenn nicht sogar ganz, bestehen bleibt.

 

Was nicht unbedingt gesagt werden kann bei Kacunkos Negativen, die in Glanz und Gloria sterben. Deren mikroskopische Schönheit erinnert mich daran, das erste mal eine Schneeflocke genau betrachtet zu haben: wunderschön und filigran.

 

Und wenn wir schon über Schneeflocken sprechen, als ich angefangen habe dies zu schreiben, brach die Sonne durch die Wolken, zum ersten Mal nach 16 Tagen. Und jetzt ist wieder der Schneesturm zurück. Also, erzählen Sie mir, wie ich am besten in Berlin mit dem Schneeblues fertig werde?

Übersetzt aus dem Englischen von Claudia Eberlein. Den Originaltext finden Sie hier.

Sie können Mark emailen unter
mark@espiner.com mit Ihren Tipps und ihm auf Twitter @DeutschMarkUK folgen.

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