Espiners Berlin : Wir leben Graffunders gescheiterten Traum

Für Tagesspiegel.de machte er als Gast in Berlin den Kulturcheck: Täglich möglichst viel Berliner Kultur und möglichst viel Berliner Wurst. Jetzt ist Mark Espiner aus London nach Berlin umgezogen - und zwar in ein beeindruckendes Bauwerk direkt am Alex.

Mark Espiner
WIRECENTER
Mark EspinerFoto: Thilo Rückeis

Es scheint fast so als wäre ich erst gestern hier gewesen, ein Londoner in Berlin, der versuchte herauszufinden wie diese wundervolle Stadt und Sie, ihre Bewohner, ticken.

Im vergangenen Jahr, wie Sie sich vielleicht erinnern, habe ich mich dem Berliner Kultur und Wurst Experiment ausgesetzt. In nur zwei Wochen habe ich so viel Kunst und Fleischprodukte dieser Stadt konsumiert wie nur möglich. Ich bat Sie, mir zu sagen, wohin ich gehen und was ich sehen sollte, um so am besten diesen Ort zu verstehen und unter Berlins Haut zu gelangen. Und Sie haben mir auf sehr nette Art dabei geholfen.

Nun, abgesehen von der Tatsache, dass all diese Knacker und Thüringer unter MEINE Haut gingen (ich habe drei Kilogramm zugenommen), war das Experiment ein Erfolg. Am Ende hatte ich das Gefühl, das Ausmaß dieser Stadt erfasst zu haben und als ich nach London zurückkehrte, fühlte ich mich verloren. Ich vermisste Berlin's Lebendigkeit, seine Fülle an Kunst, die Abwesenheit von Überwachungskameras. Für ein paar Monate war es ok, aber dann fühlte ich ein Jucken. War ich dabei, mich zu verlieben?

Eines Abends spät in der Nacht in meiner Wohnung in Hackney ertappte mich meine Lebensgefährtin, wie ich mich heimlich durchs Internet klickte. Schuldbewusst gestand ich ihr meine Sehnsucht nach Berlin und erklärte ihr, dass dies noch ein unvollendetes Kapitel ist. Sie stimmte zu, einen Umzug in Betracht zu ziehen.

Und da stierte uns eine riesige Wohnung an, auf Immobilenscouts Webseite, zweimal so groß wie unsere Londoner, in einem starren Betonblock gleich gegenüber dem Fernsehturm. Er erinnerte mich sogleich an Notting Hills berühmten Trellick Tower , erbaut von dem dramatisch-klingenden Architekten Erno Goldfinger. Und genauso beeindruckend wie der brutale Stil war die Tatsache, dass diese Wohnung auch provisionsfrei war und ich sollte verdammt sein, je so eine Gebühr zu bezahlen, nur für das Privileg, umziehen zu können - warum nehmt Ihr das hin? Sicherlich sollte der Vermieter diese Rechnung bezahlen, oder?

Ohne sie anzusehen (ich hatte nicht die Zeit dorthin zu fliegen und war besorgt, dass nach Londoner Art jemand mit mehr Geld sie uns wegschnappt), beschlossen wir, die Wohnung zu nehmen. Zwei Monate später, mit Kartons voller Bücher, Kleidersäcken, Kindern, Kinderwägen, die ganze Katastrophe, kamen wir mit dem Zug in Berlin an. Das Taxi setzte uns außerhalb des Fernsehturms ab und wir schauten an dem Wohnblock hoch und er starrte auf uns herunter, was uns sehr klein fühlen ließ.

Heinz Graffunder, der Architekt unseres neuen Zuhauses in den Rathaus-Passagen, aber auch des nun erloschenen Palasts der Republik, hatte ein ganz spezielles Ziel. Er wollte, dass sein 1966er Projekt einmal eine humanistische Gesellschaft fördern wird. Das Wohnerlebnis hier sollte allumfassend sein. Er war der Ansicht, dass es mit seinem miteingebauten Kindergarten, der Bowlingbahn (ironischerweise importiert aus den USA) und seinen mondänen Geschäften 100 Jahre seiner Zeit voraus war.

Damals war es offensichtlich DIE Adresse in Ost Berlin. Straße Nummer Eins, nicht weniger, und die Wohnungen waren, wie ich herausfand, für die Parteitreuen, Akademiker und angesehenen Künstler vorbestimmt, die, sobald eingezogen, sorgfälltig von der Stasi überwacht wurden.

Die Leute, die wir dann bei unserer Fahrt in den neunten Stock trafen, schienen nicht unbedingt dieses humanistische Ideal zu leben. Sie hatten, so kam es mir vor, sogar vergessen wie man lächelt. Vielleicht mochten sie die Invasion eines Engländers nicht. Oder sie trugen auf Ihren Schultern Graffunder's gescheiterten Traum.

Als wir dann in unsere Wohnung hineinplatzten, fühlte ich mich wie am Set des Films "Das Leben der Anderen" angekommen – und ich überlegte , ob ich unter der Tapete nach Mikrofonen suchen sollte.

So, hier bin ich nun wieder, in einer Plattenbautyp P2 Wohnung – etwas von echter DDR Geschichte und möglicherweise immer noch verwanzt – mit dem Wunsch, noch tiefer in Berlin zu graben.

Das letzte Mal, als ich da war, habe ich nur an der Oberfläche gekratzt. Also frage ich Sie nun wieder: Bitte helfen Sie mir. Sagen Sie mir, was ich sehen sollte um Berlin noch genauer kennen zu lernen. Ganz gleich ob es ein weniger bekannter, aber typisch Berliner Ort ist oder ein Ereignis, Cafe, Party, was auch immer, ich würde es gerne wissen wollen. Emailen Sie mir (Meine Adresse ist immer noch mark@espiner.com).

Ich werde auch tweeten, auf Twitter als DeutschMarkUK (http://twitter.com/DeutschMarkUK), für den Fall, dass Sie mir folgen wollen, und natürlich werde ich hier darüber schreiben. So, bis zum nächsten Mal, macht et jut, wie man hier sagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben